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Tatort Umkleide

Studie schätzt Anzahl der Betroffenen von sexuellen Übergriffen im Sport auf 200 000

  • Von Florian Brand
  • Lesedauer: 4 Min.

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Der Täter tritt als Freund der Trainingsgruppe auf. Er ist beliebt bei den Eltern und macht sich schnell unentbehrlich im Verein. Nach und nach baut er seine Machtposition aus und lässt dies auch seine Turnerinnen spüren. Erst Jahre später kommt ans Licht, dass der Täter sich in mindestens 82 Fällen an 15 minderjährigen Mädchen verging, die im HSV Weimar trainierten. Mittlerweile ist er zu drei Jahren und acht Monaten Haft verurteilt worden.

Eines der betroffenen Mädchen erzählt in der am vergangenen Wochenende ausgestrahlten ARD-Dokumentation «Das große Tabu - sexueller Missbrauch im Sport», wie der Täter seine Macht gegenüber der damals 14-Jährigen und anderen ausnutzte und sie sexuell missbrauchte.

Dies sind keine Einzelfälle. Eine noch unveröffentlichte Studie der Uniklinik Ulm geht davon aus, dass die Anzahl sexuell missbrauchter Personen im Sport bei 200 000 Betroffenen liegt. Das ist fast das Doppelte jener Missbrauchsfälle in den katholischen und evangelischen Kirchen Deutschlands, berichtete der Ulmer Kinder- und Jugendpsychiater Jörg Fegert der ARD. «Wir haben eine Bewusstseinsentwicklung nötig in diesem Bereich.» Für die repräsentative Studie, über die zuerst «Die Welt» berichtet hatte, waren von Fegerts Team rund 2500 Menschen befragt worden.

Die hohe Zahl erklärt Fegert in der ARD-Doku wie folgt: «Mehr Kinder gehen in Sportvereine. Deswegen ist es nicht verwunderlich, dass wir im Sports ungefähr doppelt so viele Betroffene haben wie in den Kirchen.» Die Öffentlichkeit konzentriere sich jedoch mehr auf die Kirche, «weil man sich sehr viel über die Missbrauchsfälle in den Kirchen unterhalten hat».

Bereits 2017 hatte die Ulmer Uniklinik im Rahmen des Projekts «Safe Sport» 1800 Athlet*innen aus dem Leistungssport zu ihren Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch interviewt. Der Anteil der Betroffenen lag schon damals bei einem Drittel. Die neuen Zahlen und Erkenntnisse werfen Zweifel auf, ob aus den alten gelernt wurde. Gerade mit der Vorbeugung tun sich Sportpolitik, Verbände und Vereine immer noch sehr schwer.

Um vor allem die Sportverbände künftig stärker zu sensibilisieren, will das Bundesministerium des Inneren (BMI) Kürzungen ihrer finanziellen Unterstützung vornehmen, wenn die Verbände kein Präventionskonzept - wie etwa Ansprechpartner*innen, erweiterte Führungszeugnisse der Mitarbeiter*innen und Schulungen - ausarbeiteten und umsetzten. «Das Ziel muss sein, dass bis zum Mai 2021 in den Satzungen die Bekämpfung und Prävention einen Leitbildcharakter haben muss», sagt Markus Kerber, Staatssekretär im Bundesinnenministerium. Unklarheit gibt es noch, wie die Umsetzung der Konzepte kontrolliert werden soll.

Eine Untersuchungskommission der Bundesregierung hatte bereits im Mai auf die Problematik im Sport aufmerksam gemacht. Die Kommissionsvorsitzende Sabine Andresen kritisierte, dass Anhörungen sowie Berichte von Betroffenen und jenen in Medien darauf hinwiesen, «dass es einer unabhängigen Aufarbeitung bedarf, die in den Strukturen des Freizeit- und Leistungssports bisher noch nicht ausreichend vorgesehen ist».

Der Deutsche Olympische Sportbund gab sich in Bezug auf eine Einführung besserer Kontrollmaßnahmen optimistisch: «Ich glaube, dass wir da einen partnerschaftlichen Weg finden werden, um genau das umzusetzen», sagte Vorstandsmitglied Jan Holze der ARD. Gleichzeitig gab er jedoch zu verstehen, dass die Eigenerklärung der Verbände zum besseren Schutz vor Missbrauch «erst seit diesem Jahr» verpflichtend sei «und sich noch nicht alle Fragen so klären konnten wie vielleicht gewünscht».

Expert*innen wie die Soziologin Bettina Rulofs mahnen die sportpolitischen Entscheidungsträger*innen zu mehr Hartnäckigkeit in der Durchsetzung. So sei es abzuwarten, ob die Einführung präventiver Maßnahmen und ihre Umsetzung «eine Frage des Glaubens und des Vertrauens bleibt, oder ob das BMI zum Beispiel stichprobenartig Kontrollen durchführt».

Derweil wehrt sich die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) gegen den Vorwurf, einen Fall sexuellen Missbrauchs nicht konsequent aufgearbeitet zu haben. Die ARD zitierte in der am Samstag ausgestrahlten Sendung anonym den Vater eines Opfers mit der Aussage, die FN sei nicht auf seine Familie zugekommen: «Ich habe mich sofort gefragt, auf welcher Seite der Verband steht. Auf der Seite des Opfers oder auf der Seite des Täters?» Der Verband konterte tags darauf: «Wir bedauern es, dass mehrere Kontaktaufnahmen von Seiten der FN und des Landesverbandes mit der Opferfamilie im Januar 2013 sowie im August 2014 als nicht ausreichend wahrgenommen wurden.» Der TV-Beitrag kritisiert zudem, dass der beschuldigte Reiter wieder für Deutschland antreten durfte. Heute würde die FN mit einem solchen Fall anders umgehen«, teilte der Verband mit.

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