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»Musst Du deine Koffer packen und gehen?«

Der 98-Jährige Auschwitz-Überlebende Leon Schwarzbaum wird geehrt und sieht mit Sorge auf die Gegenwart

  • Von Wilfried Neiße
  • Lesedauer: 3 Min.

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»Ich möchte die Zeit, die mir bleibt, dafür nutzen, um wertvolle Arbeit zu leisten. Und ich hoffe, dass ich das noch einige Jahre machen kann - sofern der liebe Gott und meine Gesundheit mir das erlauben«. Diese Wort stammen von Leon Schwarzbaum, 98 Jahre alt und Überlebender des Vernichtungslagers Auschwitz. Am vergangenen Freitag wurde dem Mann, der unermüdlich vor Kindern und Jugendlichen sein Schicksal schildert und den seine Freunde Henry nennen, das Bundesverdienstkreuz überreicht.

Im Potsdamer Hotel »Mercure« fand auf Einladung des Vereins »Pro Brandenburg« eine Feier zu Ehren des Mannes statt. Am blauen Jackett von Leon Schwarzbaum leuchtete der rote Orden - das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, wie die Auszeichnung in Ausführlichkeit heißt. Sie wurde ihm zur Mittagszeit vom Berliner Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) im Namen des Bundespräsidenten im Roten Rathaus überreicht.

»An so einem Tag geht es einem gut«, sagte Schwarzbaum einer Reporterin. Das war aber in seinem Leben nicht immer so. Im heimatlichen Bedzin wurde nach dem deutschen Überall auf Polen ein Ghetto errichtet, auch für den Juden Leon Schwarzbaum. Damit war es vorbei mit seiner Musiker-Laufbahn bei den »Jelly Boys«. Die Combo bestand aus fünf Jugendlichen, die Jazz und Swing zu Klavierbegleitung sangen.

Und das Grauen kannte keine Grenzen. 1943 kam seine gesamte Familie in Auschwitz um. Schwarzbaum überlebte die Hölle des Vernichtungslagers als Meldegänger für die Kommandantur, später als Zwangsarbeiter in verschiedenen deutschen Unternehmen. Die Stationen seines Leidens waren die KZ Buchenwald und Sachsenhausen. Auf dem Todesmarsch wurde er unweit von Schwerin von US-Truppen befreit.

Im Unterschied zu vielen Leidensgenossen, die Deutschland sofort verließen, weil sie das Land der Täter und die Täter selbst nicht mehr ertragen konnten, blieb Schwarzbaum. Er schuf sich eine Existenz als Antiquar in Westberlin. Lange schwieg er oder berichtete nur im engsten Familien- und Freundeskreis von seinen entsetzlichen Erlebnissen. Erst nach dem Tod seiner Frau entschloss er sich, in Schulen und anderen Einrichtungen sein Schicksal öffentlich zu machen. Das tat er in Berlin und in Brandenburg. Vor einiger Zeit war er mit Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) an einem Ort seiner Qualen, in Auschwitz.

Zur Ehrung des Mannes gehört auch, dass ihm am Dienstag von der Evangelischen Integrierten Gesamtschule im niedersächsischen Wunstorf das Abitur ehrenhalber verliehen wird. Sein wirkliches Abitur hatte er noch vor dem Krieg am Fürstenberg-Gymnasiums seiner früheren Heimatstadt Bedzin in Oberschlesien erworben. Später wurden alle diesbezüglichen Dokumente vernichtet. Ersatz fand sich nicht. Damit blieb ihm auch nach den Krieg der Zugang zu einem Studium verwehrt.

Stellvertretend für den Ministerpräsidenten nannte der Chef der Potsdamer Staatskanzlei, Martin Gorholt (SPD), den Geehrten »ein Vorbild für uns alle«. Man habe »die Erinnerungskultur nach 1990 neu aufbauen müssen.« Schwarzbaums Schicksal sei auf immer mit dem 1. September 1939 verbunden, als Deutschland den Zweiten Weltkrieg begann. Das sei demnächst nun 80 Jahre her und die Landesregierung werde diesen Jahrestag angemessen begehen. Gorholt verwies auf das Auftreten der AfD nicht zuletzt in Brandenburg. Auch die Hauptperson des Tages blickt mit Sorge auf diese neuen Tendenzen in der deutschen Innenpolitik und den wachsenden Antisemitismus. »Weil ich mir überlege: Musst Du deine Koffer packen und gehen?«

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