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Priviliged Kids for Future? Von wegen!

Bei Fridays for Future wird aus Privilegien Verantwortung

  • Von Lara Eckstein
  • Lesedauer: 7 Min.

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Fliegen zerstört die Natur. Nicht nur in Deutschland.
Fliegen zerstört die Natur. Nicht nur in Deutschland.

Je stärker sie als Bewegung werden, desto mehr Kritik schallt den Schüler*innen von Fridays for Future entgegen. Kritik kommt jetzt auch von jenen, die sich als Fürsprecher*innen marginalisierter gesellschaftlicher Gruppen verstehen. Sie bemängeln die Privilegien derjenigen, die bei Fridays for Future aktiv sind. Sie kritisieren: Die Schüler*innen kommen aus einem bildungsbürgerlichen Haushalt, streben Abitur und Studium an. Es wird beanstandet, dass neben klaren politischen Forderungen auch eine Änderung des eigenen Lebensstils gefordert und vorgelebt wird. Nadire Y. Biskin hat Fridays for Future zuletzt vorgeworfen, der Verzicht aufs Fliegen und Fleisch essen sei ein Privileg, das nicht alle jungen Menschen hätten. Stimmt: Es erfordert einiges an freier Lebenszeit und Vorwissen, sich mit Ursachen und Folgen der Klimakrise zu beschäftigen, per CO2-Rechner den persönlichen Fußabdruck zu ermitteln – und noch mehr, um Demos zu organisieren, Forderungspapiere zu erarbeiten und Interviews zu geben. Dass sich aber im »Auf-die-Straße-Gehen jenes Privileg reproduziert«, wie Biskin schreibt, ist ein absurder Vorwurf.

Kein Vergnügungsevent

Hier wird so getan, als sei der freitägliche Schulstreik ein Vergnügungsevent, als seien die Forderungen von Fridays for Future reine Identitätspolitik für weiße Mittelstandskinds. Das Gegenteil ist der Fall. 68 Prozent der 14 bis 24-Jährigen haben einer aktuellen Umfrage zufolge »große Angst« vor dem Klimawandel. Ein Viertel aller jungen Menschen hat bereits ein oder mehrmals bei Protesten von Fridays for Future teilgenommen. Wann gab es zuletzt eine Jugendbewegung, die so große Teile der Bevölkerung erreicht hat und so sehr für die Sorgen und Ängste einer ganzen Generation gesprochen hat? Dass Kinder aus ärmeren Schichten in der Bewegung nicht ausreichend repräsentiert sind, heißt nicht, dass die Erderhitzung für sie kein Problem darstellt. Im Gegenteil.

Die Klimakrise ist eine soziale Krise. Sie verstärkt alle bestehenden Ungerechtigkeiten noch weiter. Deshalb ist es gerade unter dem Gesichtspunkt sozialer Gerechtigkeit so wichtig, dass wir uns jetzt mit aller Kraft dafür einsetzen, diese Krise zu stoppen. Aktuell steuern wir auf eine um 4 bis 6 Grad heißere Welt zu – mit Folgen, die über alle Horrorszenarien der Wissenschaft noch hinausgehen könnten. Gut ausgebildete, gut vernetzte Aktivist*innen wie die von Fridays for Future werden es vergleichsweise leichter haben, in der Klimakatastrophe zu überleben. Kinder aus ärmeren Haushalten werden am stärksten leiden unter schlechterem Zugang zu Wasser, Essen, Bildung, medizinischer Versorgung etc. Wer heute »die Zukunft« weniger im Blick hat als die nächste Klausur oder die nächste Mietzahlung, wird die Folgen der Klimakrise zuerst zu spüren bekommen. Die Schüler*innen, die immer wieder freitags auf die Straße gehen, setzen sich also nicht nur ein für 68 % der jungen Menschen mit Angst vor der Klimakrise, sondern für 100 % der jungen Menschen, deren Zukunft von der Klimakrise geprägt sein wird. Und sie protestieren auch in Solidarität mit den Menschen vor allem im globalen Süden, die heute schon unter den Auswirkungen der Klimakrise leiden.

Konsum als Gewalt

Der Gegensatz, den Biskin aufmacht zwischen »privilegierten« und »prekären« Jugendlichen in Deutschland, täuscht über die wahren Machtgefälle hinweg: Es sind die Schüler*innen in Indien, die jetzt schon unter extremer Hitze leiden, die Kinder in Mosambik, die durch Wirbelstürme ihr Zuhause verlieren. Nicht in Zukunft, sondern genau jetzt. Deshalb ist es gut und richtig, dass die Privilegierten in Deutschland anfangen, auch ihr eigenes Konsum-, Ess- und Reiseverhalten zu reflektieren. Die Privilegierten zuerst, weil sie den größten CO2-Fußabdruck haben. Aber wir alle hier in Deutschland leben über unsere Verhältnisse, auf Kosten anderer. Wenn wir das verbleibende CO2-Budget auf alle Menschen auf der Welt gerecht aufteilen – und darum muss es doch gehen, um globale Gerechtigkeit! – dann bleiben pro Person maximal 2 Tonnen pro Jahr. Dass es da nicht funktioniert, 3,9 Tonnen für einen Langstreckenflug beispielsweise in die USA zu verschwenden, kann schon ein Grundschulkind ausrechnen. Weltweit fliegen nur 3 Prozent der Menschen regelmäßig und nur etwa 18 Prozent sind überhaupt schon mal geflogen. Rassistische, sexistische, homo- und transphobe Diskriminierung sind strukturelle Gewalt, die Privilegierte ausüben. Auch jeder Flug ist strukturelle Gewalt von Privilegierten gegen die Prekarisierten weltweit. Wir dürfen diese verschiedenen Formen von Gewalt nicht gegeneinander ausspielen, sondern müssen für mehr Gerechtigkeit auf allen Ebenen eintreten.

Aber genug jetzt vom Fliegen! Eigentlich spielt die Frage des persönlichen Lebensstils bei Fridays for Future nämlich eine nebensächliche Rolle. Die Schüler*innen wissen: Wenn allein die Art der Energiebereitstellung in Deutschland – dem Weltmeister der klimaschädlichen Braunkohle-Verstromung - 2,8 Tonnen CO2 pro Person - verursacht, dann bringt persönlicher Verzicht nicht viel. Sie demonstrieren deshalb für politische Rahmenbedingungen: Kohleausstieg, ein Ende der Subventionen für fossile Energien und drastische Reduktion der Treibhausgas-Emissionen. Leider berichten Medien lieber über moralische Fragen zu Flugreisen als über den Stillstand im Klimakabinett der Bundesregierung. Sie prangern lieber die Fernreise von Luisa Neubauer an als den Klüngel zwischen Energiekonzernen und Regierung. Das individualisiert und entpolitisiert die Debatte, es schont die politisch Verantwortlichen und zementiert den Status quo. Fridays for Future auf ihre Positionen zu Fleischkonsum und Flugverkehr zu reduzieren, statt über ihre politischen Forderungen zu sprechen bedeutet, dem Framing derjenigen auf den Leim zu gehen, die alles daran setzen, die Schüler*innen zu diskreditieren, um die Interessen der fossilen Industrie zu schützen.

Fridays for Gerechtigkeit

Damit die Politik endlich handelt, braucht es Druck von der Straße. Enormen Druck. Mehr, als die gesamte Klima-Bewegung bisher je auf die Beine stellen konnten. Das zu organisieren ist eine Mammutaufgabe und wir müssen alle dankbar sein, dass sich so viele junge Menschen Vollzeit dieser Aufgabe widmen. Es erfordert unglaubliche Mengen an Zeit und ehrenamtlicher Arbeit, wöchentliche Demos und Großveranstaltungen zu organisieren, in Diskussionsrunden Politiker*innen die Stirn zu bieten und ständig Presseanfragen zu beantworten. Wenn es vor allem privilegiertere Schüler*innen sind, die in langen Telefonkonferenzen hängen, hunderte Whatsapp-Nachrichten pro Tag hin- und herschicken und immer wieder auf die Straße gehen, dann ist das keine Herabwertung derjenigen, die freitags beim Nachhilfeunterricht sitzen oder beim Jobcenter in der Schlange warten. Es ist vielmehr eine aus der Not der Ungleichheit heraus geborene »Arbeitsteilung«: Aus einem Mehr an Privilegien ergibt sich ein Mehr an Verantwortung. Dem werden die Schüler*innen gerecht.

Übrigens versucht die Bewegung durchaus, für Gerechtigkeit innerhalb ihrer eigenen Strukturen zu sorgen. In Telefonkonferenzen beschließen hunderte Jugendliche aus ganz Deutschland im Konsens-Verfahren ihre nächsten Aktionen. Bei repräsentativen Aufgaben wird inzwischen darauf geachtet, nicht nur ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis zu haben, sondern auch neue Aktivist*innen zu Wort kommen zu lassen. Zudem setzen sich Fridays for Future – viel mehr als alteingesessene Umweltorganisationen – auch gegen Rassismus und für eine gerechtere Gesellschaft ein: Sie unterstützen die Seebrücke-Bewegung und das Bündnis #unteilbar und stellen sich gegen die AfD. So werden aus Schüler*innen nicht nur Vorkämpferinnen fürs Klima, sondern für eine bessere Gesellschaft. Wer gelernt hat, mit der Polizei die Demo-Route auszuhandeln und Christian Lindner öffentlich zu widersprechen, der*die traut sich auch dazwischenzugehen, wenn andere aufgrund ihres Äußeren im Regionalzug angepöbelt werden.

Es steht alles auf dem Spiel

Wenn Fridays for Future für den weltweiten Klimastreik am 20. September dazu aufrufen, dass alle – junge und ältere Menschen – mitmachen, dann ist es völlig in Ordnung, wenn nur diejenigen mit auf die Straße gehen, die es sich zeitlich, finanziell und gesundheitlich leisten können. Wichtig ist aber, dass wir verstehen: im Angesicht der Klimakrise steht alles auf dem Spiel. Und die Schüler*innen sind unsere beste und vielleicht letzte Chance auf eine Klimapolitik, die diesen Namen endlich verdient.

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