Werbung

Warum die Kinoleinwand rassistisch ist

Chandrika Yogarajah über Rassismus im Film und die Neuverfilmung von »Arielle - die kleine Meerjungfrau« mit einer schwarzen Schauspielerin

  • Von Chandrika Yogarajah
  • Lesedauer: 4 Min.

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Wenn Schwarze nur Bösewichte sind und weiße Menschen sich diskriminiert fühlen, wenn die Meerjungfrau Arielle nicht weiß ist, sondern von der Schauspielerin Halle Bailey gespielt wird, zeigt das wie subtil und allgegenwärtig der Rassismus in Kinofilmen ist.
Wenn Schwarze nur Bösewichte sind und weiße Menschen sich diskriminiert fühlen, wenn die Meerjungfrau Arielle nicht weiß ist, sondern von der Schauspielerin Halle Bailey gespielt wird, zeigt das wie subtil und allgegenwärtig der Rassismus in Kinofilmen ist.

Die Schwarze Sängerin Halle Bailey soll in der Disney-Realverfilmung des Klassikers Arielle, die kleine Meerjungfrau spielen. Viele weiße Menschen sind empört, wollen sogar den Film boykottieren. Im Film von 1989 war die Meerjungfrau schließlich eine weiße Nixe mit roten Haaren. Wie kann nun eine Meerjungfrau Schwarz* sein? Nach Meerjungfrau-Wissenschafts-Experten in den sozialen Medien ist das nicht möglich. Doch die Entscheidung von Disney ist revolutionär. Halle Baily als Schwarze Meerjungfrau durchbricht das allgemeingültige weiße hegemoniale Bild einer weißen Meerjungfrau, sie zeigt Vielfalt in der Gesellschaft und gibt Schwarzen Kindern und Erwachsenen, die Möglichkeit sich mit ihr zu identifizieren.

Ungleiche rassistische Machtverteilungen in der Filmindustrie sind subtil und allgegenwärtig. Sie müssen verstanden und sichtbar gemacht werden. In weißen Mainstream-Filmen werden People of Color – so die Selbstbezeichnung vieler nichtweißer Menschen – oft stereotyp dargestellt. Frauen etwa kommen oft nur als die »wütende Schwarze Frau« oder als Schwarze beste Freund*in von weißen Menschen vor – oder nur als Kriminelle und Bösewichte. Die Rollen, die Schwarzen Schauspieler*innen angeboten werden, sind oft auf Hautfarbe und vermeintliche Herkunft zugeschnitten und stets Nebencharaktere.

Filme aber sind machtvoll und beeinflussen die Wahrnehmung der Gesellschaft. Die Vielfalt in der globalen Gesellschaft kommt so in weißen Mainstream-Filmen nicht an. Es werden Gesellschaften repräsentiert, in der weiße Menschen existieren, während People of Color nur am Rande zu sehen sind. Diese stereotypischen rassistischen Darstellungen beeinflussen das Bild von und die Haltung gegenüber marginalisierten und von Rassismus betroffenen Menschen negativ und fördern Vorurteile und Diskriminierung - auch unter Nichtweißen haben sie Folgen.

Als Person of Color empfindet man das Gefühl eines Außenseiters, des Nicht-Dazugehörens, da Held*innen, Prinz*essinnen und Stars nichts mit dem eigenen Aussehen zu tun haben, sondern meistens weiß sind und so Weißsein als übergeordnet, dominant, schön, erfolgreich und intelligent wahrgenommen wird. Schon in der Kindheit werden wir mit Comic-Heften, Cartoons, Kindergeschichten konfrontiert, in der Helden weiße Menschen sind, während die Bösewichte, Primitivlinge und Schurken oft von People of Color dargestellt werden. So erfährt man schon in jungen Jahren aufgrund der Hautfarbe starke Minderwertigkeitsgefühle und Selbsthass. Dieses kollektive psychologische Trauma beeinflusst dann Identität, Verhalten und Persönlichkeit der Heranwachsenden.

Während die Darstellung einst weißer Figuren durch Schwarze Darsteller*innen revolutionär ist, gilt das für das Gegenteil nicht. Weiße Menschen, die People of Color in Filmen darstellen, wie Scarlett Johanson etwa, die in der amerikanischen Neuverfilmung des Animes »Ghost in the Shell« die japanische Figur Motoko Kusanagi spielte, verstärken bestehende ungleiche Machtverteilungen und grenzen People of Color weiter aus der Mainstream-Medienlandschaft aus. Historisch weiße Figuren wie Arielle nun Schwarz zu besetzen, ist umgekehrt dagegen kein Fall eines »umgekehrten Rassismus«, wie in den sozialen Netzwerken behauptet wurde, weil lediglich die insgesamt existierende Ungleichheit etwas reduziert wird.

»Umgekehrter Rassismus« gar ist ein Mythos, er existiert nicht. Rassismus als Unterdrückungs- und Diskriminierungsform ist eine Ideologie (»Weiß ist gut«) und ein System: Weiße Menschen besitzen soziale und institutionelle Macht über People Of Color. Die Leitung der bekanntesten Filmstudios Universal Studios, Warner Bros. oder Times Warner etwa, befinden sich in den Händen von weißen Männern. Auch die Mitarbeiter*innen der Filmstudios sind überwiegend weiße Menschen.

Wegen der ungleichen gesellschaftlichen Machtverteilung kann es keinen Rassismus gegen weiße Menschen geben. Was weiße Menschen erfahren können sind lediglich Vorurteile.
Es gibt Fortschritte: Die Kinolandschaft verändert sich, wird diverser. Von Rassismus betroffene Menschen sind nun öfters auf der Leinwand zu sehen. Sie sind auch Hauptdarsteller oder spielen Heldenfiguren, etwa in Black Panther, The Get Down, On my Block oder Crazy Rich Asians. Doch die aktuelle Debatte um die Schwarze Arielle zeigt, dass wir noch viel tun müssen.

Chandrika Yogarajah ist freie Autorin und Studentin der Asien-Afrika-Wissenschaften.

* In dem Beitrag ist »Schwarze Meerjungfrau/Darsteller*innen« etc. großgeschrieben, »um zu verdeutlichen, dass es sich um ein konstruiertes Zuordnungsmuster handelt und keine reelle‚ Eigenschaft‘, die auf die Farbe der Haut zurückzuführen ist [gemeint ist]. So bedeutet Schwarz-Sein in diesem Kontext nicht, einer tatsächlichen oder angenommenen ‘ethnischen Gruppe‘ zugeordnet zu werden, sondern ist auch mit der gemeinsamen Rassismuserfahrung verbunden, auf eine bestimmte Art und Weise wahrgenommen zu werden« (Quelle: Amnesty International/Initiative Schwarze Menschen in Deutschland Bund e.V. ).

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!