Ausschnitt aus: Flyer erste Pride Parade/Schwuler Karneval in Bremen, 1979
Queere Bewegung

Neuer Blick auf die Stonewall-Revolte

Die Ausstellung »Love at First Fight!« zeigt queere Bewegung als Kaleidoskop der Perspektiven.

Von Vanessa Fischer

Heiß und stickig ist die New Yorker Luft in diesen frühen Morgenstunden des 28. Juni 1969. In wenigen Wochen wird der erste Mensch den Mond betreten. Im »Stonewall Inn« an der Christopher Street in Manhattan wird aber bereits in dieser Nacht Geschichte geschrieben: Dass die Polizei dort eine Razzia durchführt, ist nichts Ungewöhnliches. Dass sich die Besucher*innen in dieser Nacht jedoch gegen die routinierte Schikane zur Wehr setzen, bringt eine weltweite queere Emanzipationsbewegung auf den Weg.

Die Geschichte der Stonewall Riots wurde schon oft erzählt - meist als Erfolgsstory weißer schwuler Männer mit Happy End in bürgerlicher Anerkennung. Dass es aber auch andere Perspektiven darauf gibt - andere Geschichten und Protagonist*innen -, will nun die Ausstellung »Love at First Fight!« im Schwulen Museum zeigen: Mehr als 50 Jahre queerer Widerstand. In der BRD, der DDR und auch nach der Wende. Die Wanderausstellung, ein Gemeinschaftsprojekt des Goethe-Instituts, des Schwulen Museums und der Bundeszentrale für politische Bildung, nimmt auch Bezug auf die jeweiligen Querverbindungen und Wechselwirkungen mit der US-amerikanischen Bewegung, die aus den Stonewall-Protesten hervorgegangen ist.

Das Wilde und Chaotische des Aufstands spiegelt sich schon in der Szenografie der Ausstellung wider: ein weiter, luftiger Raum. Nicht an dessen kalkweißen Wänden hängen die mehr als 100 Exponate, stattdessen können an mobil im Ausstellungsraum installierten Kleiderstangen Plakate, T-Shirts, Informationstafeln, Streitschriften und Illustrationen erkundet werden. Die Schau eröffnet keinen geradlinigen Weg, um sich der queeren Bewegungsgeschichte anzunähern. »Sie wirft vielmehr Schlaglichter auf Momente queeren Widerstands ohne den Anspruch, dabei die einzig mögliche Geschichte zu erzählen«, erklärt Kuratorin Birgit Bosold. Damit stelle sie sich der Frage nach den Machtdynamiken, die auch in queeren Erinnerungspolitiken wirksam sind, und schaue überall dorthin, wo sich auch innerhalb der Bewegung Widerspruch regt.

»Wir nehmen die Stonewall-Proteste als Anlass, um die deutsch-deutsche Bewegungsgeschichte zu erzählen«, ergänzt Mit-Kuratorin Carina Klugbauer. Stonewall sei ein Knallmoment gewesen, mit dem sich viel verändert habe. Aber auch schon vor und neben Stonewall gab es queeres Leben in Deutschland. »Das wollen wir sichtbar machen - und zwar nicht als eine homogen geschriebene Geschichte, wie das sonst oft versucht wird«, so Klugbauer. Den beiden Kuratorinnen ist besonders wichtig gewesen, auch die DDR-Perspektive zu stärken. »Das wird sonst oft als Sonderkapitel abgehandelt und von einer westdeutschen Erzählweise überschattet. Wir haben versucht, die Geschichte der ostdeutschen queeren Bewegung nicht nur mitzuerzählen, sondern ihr genug Raum zu geben«, erklärt sie.

»Rosa unterm Roten Stern« hat das Schwule Museum einen der Ausstellungsabschnitte genannt. Er zeigt wichtige politische Praxen der LSBTIQ*-Bewegung in der DDR: etwa die regelmäßigen Besuche in den Nationalen Mahn- und Gedenkstätten in Sachsenhausen und Buchenwald, die seit den 80er-Jahren stattfanden. Queere Menschen als Opfer des Faschismus zu etablieren, griff den antifaschistischen Gründungsmythos und damit das Selbstverständnis des Staates an. Daneben würdigt die Ausstellung auch herausragende Personen der ostdeutschen LSBTIQ*-Bewegung, etwa den Dresdner Arzt und Sexualforscher Rudolf Klimmer (1905-1977), der sich unermüdlich für die Entkriminalisierung von Homosexualität in der DDR einsetzte. Oder Charlotte von Mahlsdorf (1928- 2002): »Museumsdirektor*in, selbst ernannte Hausfrau, schwuler Transvestit und gute Seele der ostdeutschen Queers«. Von Mahlsdorfs Gründerzeitmuseum, 1959 in einem alten Gutshaus eingerichtet, wurde in den 70er-Jahren zum Szenetreffpunkt der ostdeutschen Queers - beobachtet von den staatlichen Behörden, die die Treffen 1978 verboten. So unterschiedlich die staatlichen und gesellschaftlichen Repressionen auch waren, die queere Menschen in DDR und BRD erfahren mussten, die Ausstellung deutet immer wieder auf die Parallelen hin: So übernehmen 1949 zunächst beide deutsche Staaten die Paragrafen 175/175a und damit die Kriminalisierung männlicher Homosexualität in ihr Strafrecht. 1969 - ein Jahr später als die DDR - entkriminalisierte die BRD Handlungen zwischen volljährigen Männern. Bis zur Liberalisierung wurden allerdings etwa 50 000 Menschen verurteilt, in der DDR waren es bis zur Abschaffung des Paragrafen 1968 rund 2000. Bereits seit 1957 war in der DDR zumeist von einer Strafverfolgung abgesehen worden.

Dass der Kampf gegen eine oppressive Gesetzgebung bis heute anhält, vergisst »Love at First Fight!« nicht. So befassen sich Stationen der Ausstellung mit der immer noch repressiven Trans*-Gesetzgebung oder mit Paragraf 218, der Schwangerschaftsabbrüche faktisch bis heute illegalisiert. »Die Wende war für Frauen in Ostdeutschland ein großer Rückschritt«, erklärt Kuratorin Klugbauer die Tatsache, dass Abtreibungen in der DDR bereits 1972 legalisiert worden waren. Für Bosold stehen die feministischen Kämpfe der Frauenbewegung und die der Lesbenbewegung eng beieinander. Thematisiert werden so auch die »Feminist Sex Wars« - die kontroversen Debatten zwischen sexpositiven und pornofeindlichen Radikalfeministinnen in den 80er Jahren. »Aids war ein wichtiger Faktor für die queere Bewegung, aber die Sex Wars waren es auch«, stellt Bosold klar.

Mit Perspektiven von Personen of Colour, Feminist*innen und Trans*-Menschen ist »Love at First Fight!« inklusiver, als es viele Ausstellungen des Berliner Museums in der Vergangenheit waren. Am Ende werden die Besucher*innen eingeladen, zu partizipieren und von ihrem ganz persönlichen emanzipatorischen »Stonewall-Moment« zu erzählen. Damit spannt die Ausstellung abermals einen Bogen in die Gegenwart. Schon bald wird der erste Mensch den Mars betreten. Für viele queere Menschen geht der Kampf jedoch auch 50 Jahre nach Stonewall weiter.

»Love at First Fight!«, bis Dezember 2020 im Schwulen Museum, Berlin.