Klimaschutz

Alarmismus

Leo Fischer über ständige Klimawandel-Warnsignale, die uns bloß nicht stören sollen

Von Leo Fischer

Gerade lese ich ein Statement der Kanzlerin: Ja, Klima, sehr gut, das klappt am besten mit einer CO2-Steuer, aber auch nur, wenn es volkswirtschaftlich sinnvoll bleibt. Was im Endeffekt bedeutet, dass die Unternehmen eine Art Ablassbrief kaufen und sich ansonsten rein gar nichts ändert an einer Wirtschaftsform, in der die Komplettverwüstung des Planeten als notwendig und volkswirtschaftlich sinnvoll gilt und auch nur der Gedanke an eine Alternative dazu als unrealistisch, als lächerliche Träumerei.

Ich lese dieses Statement in einem jener McDonald’s-Restaurants, in denen neuerdings permanent die Alarmklingel geht; sämtliche Alarme sind konsequent immer an, weil immer irgendwo irgendwas fertig geworden ist. Das ganze Restaurant ist bis in den letzten Winkel mit ständigem Alarmgeklingel erfüllt, für die Gäste ist es eine Qual, für die dort Arbeitenden die Hölle, aber niemand lässt sich etwas anmerken, alle signalisieren tiefes Einverstandensein mit diesem Komplettwahnsinn.

Es ist die Hölle, aber auch ein guter Soundtrack zu dem Mumpitz, den Merkel da in die Mikrofone prustete - denn natürlich sind auch in Wirklichkeit alle Alarme ständig an, nur ist das der Normalzustand, nicht weiter auffällig. Und natürlich ist derjenige der Spinner, der sich darüber beschwert, dass während seines Mittagessens, einem Moment der Ruhe, ununterbrochen ein halbes Dutzend Sirenen in sein Gesicht schrillen.

Im schrumpfenden Rest dessen, was liberales Feuilleton heißt, liest man jetzt wieder viel über »Alarmismus« in Sachen Klima - eventuell ist es ja gar nicht so schlimm! Also, natürlich schon schlimm, aber vielleicht treffen die allerpessimistischsten Szenarien nicht zu, und daran kann man sich festhalten, und dann muss man ja nicht so viel ändern. Das heißt, ändern soll sich schon etwas, nur soll man es weder sehen noch hören noch fühlen. Auf das Leben und die Konsumgewohnheiten soll es keine Auswirkungen haben. Nur ändern soll sich etwas, sonst nichts.

Man kann auch anfangen und die Leute kritisieren, die zu McDonald’s gehen, weil das natürlich einfacher ist als zu sagen, es müsste sich institutionell was ändern, angefangen mit den 100 Unternehmen, die direkt für den Klimawandel verantwortlich sind und von ihm profitieren. In der »Süddeutschen Zeitung« warnt man nicht vor Alarmismus, aber man richtet die Klimapolitik vorsorglich nach unten: »Harte Einschnitte« mache der Klimawandel nötig, und schon am Tonfall, an der Begeisterung für die Härte merkt man, dass der Autor sich auf keinen Fall selbst meint. Für ihn soll und wird sich nichts ändern, sondern für eine Unterschicht, die einmal glaubte, Anspruch auf günstige Lebensmittel und Individualverkehr und schönes Leben zu haben; es sollen mal wieder, um es mit Bloch zu sagen, die Armen einspringen.

In anderen Kommentaren taucht im selben Zusammenhang China auf: Europa, ja gut, aber wenn Milliarden Chinesen VW fahren wollen, dann gute Nacht, Klima! Praktischerweise hat das Ausland Schuld; kolonialrassistische Bilder von »Horden«, die völlig besinnungslos Ressourcen verbrauchen, werden gestreift, und das große transglobale Ineinander der Industrien spielt auf einmal keine Rolle mehr. Keine Rolle die Tatsache, dass der Westen seine Umweltprobleme zusammen mit seinen Industrien, seinem Proletariat und überhaupt allem in den globalen Süden verlagert hat, um jetzt empört über die Klimasünder im Ausland die Nase zu rümpfen.

Kurz und gut: Alle Alarme klingeln permanent Sturm, auf dass wir inmitten eines unglaublichen Chaos, der puren Irrationalität des entfesselten Markts, gemütlich Brotzeit machen können. Dafür ein herzliches Dankeschön an alle Alarmisten!