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Wenn Nazis zur Normalität werden

In Zwickau startet die Kampagne wannwennnichtjetzt eine Marktplatztour gegen den Rechtsruck.

  • Von Fabian Hillebrand
  • Lesedauer: 4 Min.

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Fußballtunier, Informationsstände und Ausstellungen: Der Marktplatz in Zwickau kurz vor Beginn der Kampagne wannwennnichtjetzt
Fußballtunier, Informationsstände und Ausstellungen: Der Marktplatz in Zwickau kurz vor Beginn der Kampagne wannwennnichtjetzt

»Ich habe es so satt, ich habe es so satt, Zwickau Stadt, Zwickau Stadt.« Es ist Samstagabend, 18.30 Uhr. Die Band mit dem punkrockkonformen Namen »Klostein« steht auf einer Bühne auf dem Marktplatz der Stadt. »Das war der satteste Sound, den wir je hatten«, sagt der Sänger der Band später. Die Bühne, auf der er spielt, ragt fast so hoch wie das gegenüberliegende Rathaus. Vielleicht ein wenig zu groß für die nur etwa 100 Menschen, die dem Auftritt lauschen. Klostein stört das nicht, die drei Punker legen sich ordentlich ins Zeug an diesem Abend. Denn so viel wie heute ist selten los in der mondänen Innenstadt.

Es war der Auftakt der Marktplatztour #Wannwennnichtjetzt. Zahlreiche sächsische Initiativen organisieren vor den Landtagswahlen Konzerte, um die Zivilgesellschaft im Osten zu stärken und der AfD Kontra zu geben. Mit über zehn Veranstaltungstagen, unter anderem in Bautzen, Gera und Saalfeld wollen die Aktiven einen anderen Osten sichtbar machen. Das dies eine ehrbare, aber nicht einfache Aufgabe ist, zeigt sich gleich zum Auftakt: Einen Tag vor der Veranstaltung veröffentlicht die rechte Bürgervereinigung »Zukunft Heimat« einen Aufruf gegen die Aktivitäten auf dem Marktplatz. Auch die CDU, zwar von den Veranstaltern explizit eingeladen, macht keinen Hehl aus ihrer Ablehnung. Der Landtagsabgeordnete Gerald Otto sagt: »Solche Veranstaltungen haben mit ihrer Art des Aktionismus eine Mitverantwortung am Hochfahren der politischen Ränder.« Matondo, ein Rapper, der auf dem Konzert spielte, sagt später, er habe Probleme bei der Abreise gehabt, eine »stadtbekannte« Neonazigruppe hätte sich unweit seines geparkten Autos aufgehalten, er bedankt sich bei der »super organisierten« Security von Wannwennnichtjetzt, die aufpasste, dass er sicher abfahren konnte.

Die Nazis sind gefährlicher geworden

Der Sänger von Klostein kennt die Nazis in seiner Stadt. Seit seiner Jugend macht er Punk. Und seitdem überfallen sie seine Konzerte. Prügeln musste er sich schon immer mit ihnen, aber: »Früher war das direkter, da gab es einfach mal auf die Schnauze, wenn man durch die Innenstadt gegangen ist, inzwischen sind die gefährlicher«. Mehrmals ist er in letzter Zeit umgezogen, weil die Nazis seine Adresse herausbekommen haben, bei ihm geklingelt haben, seinen Namen um sein Wohnhaus mit Graffiti an die Wand gesprüht haben. Von den Behörden erfährt er wenig Unterstützung. Als er einmal eine Anzeige gestellt hat, hinterlässt er dort seine Handynummer. Wenig später bekommt er Drohanrufe. Die Politik kümmert sich kaum um die kleine alternative Szene. Wie entsteht ein solches Klima der Angst und des Wegguckens?

Es geht um Würde und Anerkennung

»Das schlimmste ist, wenn Nazis zur Normalität werden«, sagt Manja Pränkels. Die Schriftstellerin diskutierte am Vormittag auf einem Podium auf dem Marktplatz über die Ursachen der rechten Gemengelage in Ostdeutschland und einen möglichen »Aufbruch im Osten«, drei Jahrzehnte nach dem Herbst 1989. Für sie sei das der größte Unterschied zwischen dem Westen und dem Osten: Die Alltäglichkeit von Naziübergriffen und das routinierte Wegschauen der Behörden und der Politik.Bernd Gehrke, früherer DDR-Oppositioneller, verweist auch auf wirtschaftliche Ursachen. Der Strukturwandel, der in bestimmten Gebieten in Westdeutschland innerhalb von 20 bis 30 Jahren vollzogen worden ist, traf den Osten schneller, radikaler und zugespitzter. Heute sei es wichtig, an die emanzipatorischen Momente der »Wende« anzuknüpfen. Die Markplatztour, die gemeinsam von den Bündnissen wannwennnichtjetzt und »unteilbar« organisiert wurden, sieht er als Chance dafür: »So bunt wie ›unteilbar‹ war der Aufbruch 1989 auch«, sagt der kritische Gewerkschaftler, und: Viele Themen von 1989 seien nach wie vor aktuell. Es geht dabei nicht nur um ökonomische Faktoren, sondern »immer auch um Würde, um Anerkennung«.

Menschen, die sich »gerade machen«

Bei der Veranstaltung in Zwickau waren weniger als die 500 Menschen, die von den Veranstaltern vorher angemeldet worden sind. Vor allem sind wenig Menschen von vor Ort aufgetaucht. Auf einer zweiseitigen Teilnehmerliste, die während einer weiteren Veranstaltung zu Fußball und Gewalt von dem Hooliganismusforscher Robert Claus herumgereicht wurde, fanden sich nur zwei Namen aus Zwickau. Die meisten Teilnehmer sind aus Leipzig angereist. Ob das an der Stimmung in der Stadt lag? Oder daran, dass für die Veranstaltung keine großen Künstler zusagten? René Hahn, der für die LINKE im Stadtrat sitzt, ruft am Abend von der Bühne »Wir wollen gar nicht so viele sein, wie in Chemnitz bei #Wirsindmehr. Ich freue mich, hier die Menschen zu sehen, die sich wirklich engagieren, die sich gerade machen, auch wenn heute keine Hammeracts dabei sind«.

Der Sänger von Klostein zieht bei einem Bier nach dem Konzert ebenfalls ein positives Fazit. Denn der lokalen Szene machen solche Veranstaltungen Mut. Er freut sich, dass viele Menschen aus größeren Städten gekommen sind, um zu unterstützen. »Uns nicht vergessen haben«, wie er sagt. Und die Menschen sich auch langfristig um alternative Strukturen fernab der Großstädte kümmern. Auch wenn er Zwickau manchmal satthat, ist er dortgeblieben, macht seit 14 Jahren Punkrock. Immer noch ohne Proberaum, immer noch in einem Kellerraum. Und gibt den Wunsch nicht auf, die Stadt mit seiner Musik ein wenig bunter zu machen.

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