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Die Unheilige geht

Ian King findet, dass Theresa May immer das Schicksal ihrer Partei vor das ihres Landes gesetzt hat

  • Von Ian King
  • Lesedauer: 4 Min.

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Theresa May, Premierministerin von Großbritannien, hält eine Rede über den Stand der Politik im Chatham House.
Theresa May, Premierministerin von Großbritannien, hält eine Rede über den Stand der Politik im Chatham House.

Die Pfarrerstochter Theresa May war ehrgeizig, zielstrebig, ernsthaft, des besten Willens voll. Wollte brennende Ungerechtigkeiten in der britischen Gesellschaft korrigieren, den »Gerade-noch-finanziell-Durchkommenden« helfen, war zwar gegen Brexit, entschied sich jedoch, den in der Abstimmung verkündeten Volkswillen durchführen. Aber gute Vorsätze reichen nicht aus. Sie scheiterte auf der ganzen Linie. Immerhin hat sie jetzt mehr Zeit zum Kirchgang.

Die Liste von Mays strategischen und taktischen Fehlern ist lang. In der Brexit-Frage hat sie sich vorschnell unnötigen »roten Linien« verschrieben, die einen schmerzhaften Austritt aus dem Binnenmarkt unvermeidlich machten. Die 44 Prozent des britischen Handels, die mit den EU-Partnern betrieben werden, hat sie in ihrer Bedeutung sträflich unterschätzt und damit das Land auf Gedeih und Verderb dem größten Dealmacher aller Zeiten im Weißen Haus ausgeliefert. Gierige US-Großpharmafirmen und chlorbehandelte Hähnchen lassen grüßen. Dagegen sah Tony Blairs serviles Verhältnis zu George W. Bush wie auf Augenhöhe aus. May unterschrieb vorschnell den EU-Austrittsartikel 50, ohne einen Plan zu haben, wie dieser Austritt zu organisieren war. Sie rief trotz absoluter konservativer Mehrheit, also ohne Not, Neuwahlen aus, erwies sich dabei als hoffnungslose Wahlkämpferin und verlor traditionelle Tory-Hochburgen wie Canterbury und Kensington an Labour.

Ian King ist freier Autor, erster Vorsitzender der Kurt Tucholsky-Gesellschaft und lebt in London.
Ian King ist freier Autor, erster Vorsitzender der Kurt Tucholsky-Gesellschaft und lebt in London.

Sie ging ein parlamentarisches Bündnis mit den reaktionären nordirischen Protestanten der Democratic Unionist Party (DUP) ein , die ihre Regierung bei den Brexit-Verhandlungen lahmlegten und für ihre zweifelhaften Dienste eine Milliarde Pfund für ihre Provinz bekamen. In ihrer ersten Parteitagsrede beschimpfte May die 48 Prozent der Brexit-Gegner als »Bürger von Nirgendwo«. Ein Jahr später bot sie ein Bild des Jammers, bekam von einem Eindringling einen fingierten blauen Brief, angeblich im Namen von Boris Johnson.

Sie suchte keinen Kompromiss mit der Labour-Opposition, obwohl diese beim Brexit ebenfalls nicht aus noch ein wusste, bis die Parlamentsuhr fünf Minuten nach zwölf läutete - und selbst dann verstand sie die Suche nach Kompromiss nur als Eingehen der Anderen auf ihren eigenen Plan. Sie riskiert das Auseinanderbrechen des Vereinigten Königreichs, denn klare Mehrheiten in Schottland und Nordirland wollen in der EU bleiben. Und jetzt humpelt sie als Geschlagene vom Kriegsschauplatz. Der schwächste Premier des Jahrhunderts - bis zum Nachfolger.

Warum das alles? Erstens hat sie immer das Schicksal ihrer Partei vor das ihres Landes gesetzt. Sie verhandelte weniger mit den 27 EU-Partnern oder deren Brüsseler Vertreter, Michel Barnier, als mit den eigenen Hinterbänklern. Ungefähr 80 ihrer Abgeordneten, die sich in der European Research Group (ERG) zusammengefunden hatten, wollten jedoch von Kompromissen mit Brüssel noch weniger wissen als May selbst und ließen es sie im Unterhaus deutlich spüren. Ihr mit der EU verabredeter Austrittsplan fiel dreimal mit Pauken und Trompeten durch.

Gipfel der Unverfrorenheit: Der Anführer der Rebellen, Jacob Rees-Mogg, betreibt in seiner offenbar reichlich bemessenen Freizeit einen Hedgefonds mit Namen Somerset Capital und hat den Sitz des Fonds gerade von London nach Dublin verlegt, um bevorstehenden Nachteilen für den Finanzplatz London durch den Brexit zu entgehen. Sein Stellvertreter in der Gruppe, Mark Francois, erinnerte beim Hinweis auf mögliche Jobverluste durch den Brexit den deutschen Chef von Airbus, Tom Enders, daran, dass Francois’ Vater bei den Normandie-Landungen dabei gewesen war und dessen Sohn nie vor den Deutschen kriechen würde. Politiker wie Francois als Halbirre zu beschreiben, wäre nur zu 50 Prozent richtig.

Statt aber der ERG entschlossen zu widerstehen, ging May auf die Forderungen der Unersättlichen ein. Sie dankten es ihr nicht, wollten lieber einen der Ihren auf den Schild heben. May konnte sich nicht mehr an der Macht halten und geht: etwas larmoyant, ideenlos wie eh und je, heillos überfordert und sieht nicht einmal heute ihre Fehler und ihr katastrophales Erbe ein. Aber ein Trost bleibt ihr: Wie bei den altrömischen Kaisern wird der Nachfolger es bald schaffen, viel schlimmer zu sein. Und die englische Cricket-Mannschaft ist vor einer Woche Weltmeister geworden. Theresa war beim Sieg dabei. Es muss ein fast vergessenes Vergnügen für sie gewesen sein.

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