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Grottenkick bis zur Ekstase

Das »goldene Tor« Algeriens im Afrika-Cup-Finale gegen Senegal war ein Zufallsprodukt

  • Von Moritz Ablinger, Kairo
  • Lesedauer: 3 Min.

Die stärksten Szenen hatte das Endspiel des Afrika-Cups nach dem Schlusspfiff. Als Schiedsrichter Alioum Sidi die Partie nach 95 Minuten beendete, stürmte die algerische Mannschaft ohne zu zögern auf ihre Fankurve zu. Knapp 20 000 standen dort. Einige hundert von ihnen drängten durch eine Kette an Ordnern, um am Zaun mit den Spielern zu feiern. Gemeinsam entließen sie einen kollektiven Jubelschrei, der das »Cairo International Stadium« zum Zittern brachte.

Als der Lärm sich langsam legte, nahm die Mannschaft ihren Trainer Djamel Belmadi auf die Schultern. Er hatte erst 2018 das Team übernommen, davor war es an der WM-Qualifikation und beim letzten Afrika-Cup in der Vorrunde gescheitert. Der 1:0-Finalsieg bedeutete den zweiten Gewinn der Kontinentalmeisterschaft, den ersten seit 1990.

Die unterlegenen Senegalesen müssen hingegen weiter auf ihren Premierentitel warten. Sie hatten schon 2002 das Finale verloren. Während der Jubelszenen sammelten sich die Besiegten am anderen Ende des Feldes in einem Kreis um Trainer Aliou Cissé. Als der seine Spieler nach einigen Minuten entließ, klatschte das ganze Stadion. Mit gesenkten Köpfen gingen auch sie auf ihre Anhänger zu, die minutenlang applaudierten.

Das emotionale Ende machte das an sich grauenhafte Finale beinahe vergessen. Denn die kampfbetonte Partie bot nur wenige Höhepunkte. Selbst das siegbringende Tor war ein Zufallsprodukt. In der zweiten Spielminute kam der algerische Stürmer Baghdad Bounedjahe aus knapp 25 Metern zum Abschluss. Senegals Salif Sané fälschte den Ball, wie es schien, in den Nachthimmel ab. Doch dann senkte sich der Ball wieder - und landete im Tor. Es dauerte einige Sekunden, bis die Mannschaften realisierten, was hier geschehen war. Dann aber zitterten die Stadionwände zum ersten Mal. Der unglückliche Sané war erst in die Mannschaft gerutscht, weil Kalidou Koulibaly, Senegals bester Verteidiger, wegen einer Gelbsperre ausgefallen war.

Mit der Führung im Rücken beschränkten sich die »Fennecs«, die Wüstenfüchse, auf das Spiel ohne Ball und meinten es ernst damit. Die Hintermannschaft drosch, sobald sich die Gelegenheit bot, den Ball blindlings nach vorn oder ins Seitenaus. Und Senegal fand an den dichten Abwehrketten Algeriens kein Vorbeikommen, auch Liverpools Sadio Mané blieb bei seinen Dribblings wieder und wieder hängen. Die Härte, mit der die Nordafrikaner ans Werk gingen, schien die Senegalesen zu überraschen. 32 Fouls begingen die Nordafrikaner im Laufe des Spiels, fast doppelt so viele wie der Gegner. »Wir haben gut gespielt«, sagte Senegals Trainer Cissé nach dem Spiel. »Aber gegen diesen aggressiven Block haben wir keine Lösung gefunden.«

Um ein Haar hätte ein Regelverstoß Algerien dann doch in Schwierigkeiten gebracht. In Senegals bester Phase nach einer Stunde flankte Ismaïla Sarr halbhoch in den Strafraum. Der Ball traf Adlene Guedioura am Arm: kein absichtliches, aber ein eindeutiges Handspiel. Schiedsrichter Sidi entschied sofort auf Elfmeter, konsultierte wenig später aber doch den Videoassistenten. Schließlich nahm er den Strafstoß zurück - eine kontroverse Entscheidung.

Senegal machte weiter Druck, kam aber wie schon vor der Pause kaum zu Torchancen. Die beste hatte Youssouf Sabaly, dessen Fernschuss der algerische Torwart eine Viertelstunde vor Schluss über die Querlatte lenken konnte. In der Schlussphase verlor das senegalesische Team dann komplett den Faden, und Algerien spielte den Titel ohne große Nervosität sicher nach Hause.

Diese Abgebrühtheit zeichnete die »Fennecs« im ganzen Afrika-Cup aus. Sie gewannen im Turnierverlauf jede Partie. In keinem Spiel entglitt ihnen die Kontrolle. Da machte es diesmal auch nichts, dass der Star des Teams, Riyad Mahrez von Manchester City, nicht überragte und im Endspiel unsichtbar blieb. Stattdessen spielten sich andere wie der Siegtorschütze Bounedjahe in den Vordergrund. Das Team funktionierte als Kollektiv. »Wir wollten ein besseres Finale spielen«, sagte Trainer Belmadi hinterher, »aber der Titelgewinn ist verdient.«

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