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Das Wunder Alaphilippe

Ein französischer Radfahrer überrascht seine Gegner, seine Nation und sich selbst

  • Von Tom Mustroph, Foix
  • Lesedauer: 4 Min.

Als Julian Alaphilippe in Saint-Étienne das Gelbe Trikot übernahm, freute sich eine ganze Welt mit ihm. Der Franzose ist ein formidabler Attackenreiter, ein Kerl mit »panache«, wie die Franzosen sagen, einer mit Willenskraft und Initiativgeist. Er belebte das Frühjahr und war so gut, dass er zur Nummer 1 der Weltrangliste des Radweltverbands UCI aufstieg.

Dass ein Mann des Frühjahrs auch im Hochsommer auftrumpft, ist eher selten. Die Siege der Klassikerfahrer sind bei der Tour meist auf Etappenerfolge beschränkt. Ab und an kommt einer von ihnen auch ins Gelbe Trikot. Fabian Cancellara aus der Schweiz gelang das mal, den Belgiern Tom Boonen und Philippe Gilbert auch. Doch das waren Phänomene, und sie verloren die Gesamtführung regelmäßig, als es in die Berge ging.

Dass Alaphilippe das Trikot am Nationalfeiertag der Franzosen zurückeroberte, war ein weiterer feiner Moment. Da stand er dann im Gelben Leibchen auf dem Siegerpodest neben Bernard Hinault. Der Bretone war der letzte Franzose, der eine Tour gewinnen konnte. 34 Jahre ist das her, mehr als drei Rennfahrergenerationen. Und als Alaphilippe neben dem Heroen der 80er Jahre stand, begann ganz Frankreich zu träumen, dass hier Vorgänger und Nachfolger auf einer Bühne vereint seien.

Alaphilippe selbst wiegelte aber immer wieder ab. »Ich bin kein Mann für die langen, schweren Berge«, sagte er. »Die Tour wird einer gewinnen, der mit Form in die erste Woche kam, in der zweiten aber noch frisch ist und der dritten nicht erschöpft. Ich aber habe schon in der ersten Woche Vollgas gegeben«, sagte er.

Es waren Sprüche, die die Vernunft diktierte, der Realismus. Nach und nach änderte sich aber der Diskurs. Alaphilippe gewann am Freitag das Einzelzeitfahren. »Das ist erstaunlich«, sagte Bernard Thévenet, zweifacher Toursieger und jetzt Angestellter vom Tourorganisator ASO.

Auch die Konkurrenz war verblüfft. »Ich bin schon überrascht, was er hier leistet. Wir wussten zwar, dass er auch Zeitfahren kann, aber das ist schon eindrucksvoll. Er gehört nach dem Etappensieg sicherlich zu den Favoriten auch für Paris«, sagte der britische Titelverteidiger Geraint Thomas.

Der Franzose fuhr sich mit seinem allerersten großen Zeitfahrsieg natürlich in die Dopingverdachtszone. »Ich kann darüber nur lachen«, entgegnete er. »Wäre ich Letzter, würde niemand etwas sagen. Jetzt aber kommen solche Diskurse auf. Ich weiß, wie ich arbeite, und was ich meiner Arbeit zu verdanken habe«, sagte er nur. Auch Fragen zum neuen Nahrungsergänzungsmittelrenner Ketone wischte er weg. Studien besagen, dass das legale Mittel die Regeneration befördern soll. Manche Teams setzen es ein, Jumbo Visma etwa. Ralph Denk, Teamchef von Bora hansgrohe, sagte »nd«: »Natürlich haben wir uns damit beschäftigt. Ich werde jetzt aber nicht sagen, wie die einzelnen Ernährungsprogramme unserer Fahrer aussehen.«

Es gibt auch andere Positionen. »Ich habe keine Sehnsucht danach, in zehn Jahren von einem Fahrer die Nachricht zu bekommen, dass seine Leber kaputt ist«, meinte der Teamarzt von Arkea, Jean-Jacques Menuet. Alaphilippe hingegen gab zu, dass Ketone zu seinem Ernährungsplan gehören. »Ich verstehe aber die Aufregung nicht. Es ist wie ein Gel, das man im Rennen nimmt«, meinte er.

Die Aufregung wurde noch größer, als Alaphilippe auf dem Tourmalet am Samstag im Gelben Trikot den Vorsprung auf Thomas sogar ausbaute. Viele Klassementfahrer fielen zurück, auch Nairo Quintana, Adam Yates und Enric Mas. Letzterer ist Teamkollege Alaphilippes und der eigentliche Rundfahrer im Rennstall. Aber er musste passen, während Alaphilippe, der Mann des Frühlings, standhielt, und immer mehr zum Mann des Sommers wird.

Von Tag zu Tag, von Wunder zu Wunder, wächst die Zahl derjenigen, die ihm auch den Sieg in Paris zutrauen. »Wenn er so weiter macht, dann kann er es tatsächlich schaffen«, meinte Altmeister Eddy Merckx.

Alaphilippe selbst hat immer größere Mühe, den Ball flach zu halten. Dass er gar nicht glaubt, in Paris noch das Gelbe zu haben, äußert er nicht mehr. Stattdessen: »Ich erstaune mich selbst von Tag zu Tag.« Das Staunen mit ihm und über ihn wächst, je länger er in Gelb bleibt. Die Zahl derjenigen hingegen, die sich festlegen, wann er es verliert, schrumpft von Tag zu Tag.

Am Sonntag wurden sie zumindest etwas bestätigt, denn Alaphilippe verlor erstmals etwas Zeit auf die Favoriten. In den Ruhetag an diesem Montag nahm er aber immer noch einen Vorsprung von 1:35 Minuten.

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