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Hilfsorganisationen fordern Abschaffung von Ankerzentren

Ein Jahr nach Einführung der Sammelunterkünfte für Flüchtlinge wächst die Kritik

  • Lesedauer: 3 Min.

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Im Ankerzentrum Manching für Asylsuchende halten Sicherheitskräfte einen Zaun fest. Diese Zentren sollen die schnelle Abschiebung von Flüchtlingen ermöglichen, deren Asylantrag abgelehnt wurde.
Im Ankerzentrum Manching für Asylsuchende halten Sicherheitskräfte einen Zaun fest. Diese Zentren sollen die schnelle Abschiebung von Flüchtlingen ermöglichen, deren Asylantrag abgelehnt wurde.

München. Ein Jahr nach der Einrichtung der ersten Ankerzentren für Flüchtlinge haben Hilfsorganisationen deren Abschaffung gefordert. Die Lebensbedingungen dort verstießen gegen europäische Mindeststandards, hieß es bei einer Pressekonferenz des Bayerischen Flüchtlingsrats am Dienstag in München. Der Verein Ärzte der Welt, die Frauenrechtsorganisation Solwodi und der Helfer-Verband Unser Veto Bayern kritisierten vor allem fehlenden Schutz vor Übergriffen sowie mangelnde Privatsphäre für die Bewohner.

»Die Zustände in Ankerzentren und Massenunterkünften machen psychisch gesunde Menschen krank und psychisch Kranke noch kränker«, sagte Psychotherapeutin Stephanie Hinum, die für Ärzte der Welt Bewohner des Ankerzentrums Manching (Landkreis Pfaffenhofen) betreut. Die Hilfsorganisationen fordern eine dezentrale Unterbringung der Flüchtlinge statt in großen Unterkünften. Ärzte der Welt fordert deshalb, das Pilotprojekt »Ankerzentren« in seiner jetzigen Form noch vor 2020 zu beenden.

Hinum ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und bietet seit rund einem halben Jahr im Rahmen einer Kooperation von Ärzte der Welt und Refugio München eine offene Sprechstunde in der Ankereinrichtung Manching/Ingolstadt an.

Sie berichtete von einem jungen Schizophrenie-Patienten, der unter anderem an akustischen Halluzinationen litt. Für ihn sei schon das gemeinsame Essen im lauten Speisesaal eine Tortur gewesen. Auch eine junge Frau, die auf ihrer Flucht in einem libyschen Foltergefängnis interniert gewesen war und unter Posttraumatischer Belastungsstörung leidet, sei in die Sprechstunde gekommen. Alles in der Einrichtung - die nicht abschließbaren Duschen, gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Bewohnern und Sicherheitsdienst oder Polizeikontrollen - löse bei der Patientin Erinnerungen an ihre schrecklichen Erlebnisse aus. »Solche Menschen gehören nicht in ein Ankerzentrum. Sie gehören generell nicht in eine Massenunterkunft«, betonte Hinum. Es mangele jedoch an einem System, besonders Schutzbedürftige rasch und systematisch zu identifizieren.

Aber auch Patient*innen, die vor ihrer Ankunft in der Sammelunterkunft psychisch stabil waren, sind durch die Umstände einem großen Risiko ausgesetzt, psychische Störungen zu entwickeln. Besonders negativ wirken sich der fehlende Schutz vor Übergriffen und die mangelnde Privatsphäre aus. Die Menschen leben in Mehrbettzimmern, die sie nicht abschließen dürfen. Es fehlt an Rückzugsräumen. Die Mehrzahl der Ärzte der Welt-Patient*innen leiden außerdem an Schlafstörungen, die durch äußere Umstände, wie nächtliche Abschiebungen, verstärkt werden.

Auch die Erfahrung mangelnder Kontrolle über das eigene Leben - von der Entscheidung über das eigene Schicksal bis hin zu den alltäglichsten Entscheidungen, wann welche Mahlzeiten eingenommen werden - wirkt sich extrem negativ auf die psychische Gesundheit der Bewohner*innen aus.

Die Beobachtungen des Ärzte der Welt-Teams decken sich mit denen anderer Expert*innen, die die Auswirkungen von Ankerzentren und Massenunterkünften auf die Gesundheit von Asylsuchenden untersucht haben. dpa/nd

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