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Rassistischer Mordversuch

Im hessischen Wächtersbach schoss ein Deutscher einen Eritreer nieder

  • Von Peter Nowak
  • Lesedauer: 3 Min.

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»Utøya 2011, München 2016, Wächtersbach 2019?« Diese alarmierende Überschrift trägt eine Presseerklärung der Kreistagsfraktion der LINKEN im Main-Kinzig-Kreis. Auch die Justiz untersucht mittlerweile, ob in der hessischen Kleinstadt am Montag ein rechtes Attentat geplant war. Am 22. Juli hatte der 55-jährige Roland K. in der Industriestraße am Stadtrand auf einen Mann aus Eritrea geschossen. Er wurde schwer verletzt und ist nach einer Notoperation mittlerweile außer Lebensgefahr. Wenige Stunden später fand die Polizei den Täter leblos in seinem Auto. Er hatte sich erschossen.

Im Auto sowie in der Wohnung des Mannes wurden weitere Waffen sowie ein Abschiedsbrief gefunden. Der Inhalt wird derzeit von der Polizei ausgewertet. Darin könnte es Antworten auf die zahlreichen Fragen geben, die sich aktuell stellen. Der Fall wird von den Ermittlungsbehörden mittlerweile als rassistisch eingeordnet.

Auch das Datum könnte eine Rolle spielen: Am 22. Juli 2011 ermordete der Neonazi Anders Breivik 77 Menschen in Oslo und auf der Insel Utøya. Am 22. Juli 2016 erschoss der vermutliche Neonazi David Sonboly neun Menschen in einem Münchener Einkaufszentrum. Die Ermittler gehen davon aus, dass Sonboly sich von Breivik inspirieren ließ. Wollte auch der Täter von Wächtersbach am 22. Juli ein faschistisches Fanal setzten? »Es darf nicht zugelassen werden, dass der 22. Juli zu einem Symboltag wird, an dem Rechtsterroristen Gewalttaten verüben«, twitterte Janine Wissler, Linksfraktionschefin im hessischen Landtag. »Natürlich ist der Tattag aufgrund des Massakers in Utøya aufgeladen, und dies ist für solche Täter häufig von besonderer Relevanz. Aber ohne entsprechende Fakten und Hinweise in den Aufzeichnungen oder Dateien des Täters lässt sich das nicht sicher sagen«, warnte Stephan Martin, Mitarbeiter der LINKEN-Bundestagsabgeordneten Martina Renner, gegenüber »nd« vor voreiligen Spekulationen. Dazu gehört für Martin auch die Einschätzung der Ermittlungsbehörden, dass der Täter von Wächtersbach nicht im rechten Milieu organisiert war. »Die Informationen der Öffentlichkeit sind noch viel zu dürftig, um das seriös beurteilen zu können. Auch ist völlig vage, welche Kriterien für die Beurteilung einer ›Organisierung‹ herangezogen werden«, erklärte Martin.

In Wächtersbach und Umgebung scheint es eine aktive rechte Szene zu geben. Nicht nur, dass dort der Hindernislauf »Strong Wiking Run« am 16. September 2016 stattgefunden hat, an dem auch der Dortmunder Neonazi Sven Kahlin teilgenommen hat, der nach einer langjährigen Haftstrafe wegen der Ermordung des Punks Thomas Schultz weiterhin eng mit der Neonaziszene verbunden ist. Auch der ehemalige Landrat des Rhein-Kinzig-Kreises, Erich Pipa (SPD), ist seit Jahren Ziel rechter Drohungen, weil er sich im Herbst 2015 auf einer Versammlung mit dem Bekenntnis »Das Boot ist noch lange nicht voll« für eine Willkommenskultur für Geflüchtete einsetzte. Bekannt wurden die langjährigen Drohungen gegen Pipa, nachdem in Kassel der CDU-Landrat Walter Lübcke wegen seiner flüchtlingsfreundlichen Haltung von einem Rechtsextremisten erschossen wurde.

»Wenn man sich in Wächtersbach engagiert, muss man schon mal mit rechten Drohbriefen rechnen«, erklärt auch Stephan Siemon von der Wächtersbacher Buchhandlung »Dichtung und Wahrheit« gegenüber »nd«. Er gehört zum Unterstützerkreis für Geflüchtete im Ort und wurde selber schon zum Ziel rechter Drohungen. Doch davon lässt sich Siemon aber nicht abschrecken.

»Wir haben hier eine dezentrale Unterbringung. Die Menschen leben unter uns«, lobt Siemon den Umgang mit den Migrant*innen in den Stadt. Auch der angeschossene Mann aus Eritrea gehört zu der Gruppe. Am Dienstagabend wird auch Siemon am Ort der Tat in der Industriestraße an einer Mahnwache unter dem Motto »Kein Platz für Rassismus« teilnehmen. Dazu rufen Politiker*innen, Kirchen und zivilgesellschaftliche Organisationen auf.

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