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Überfordert in der Krise

Weil der chinesische Dopingsünder Sun Yang auch bei dieser WM Titel gewinnen darf, gerät der Schwimmweltverband immer mehr in die Kritik

  • Von Jörg Soldwisch und Thomas Lipinski, Gwangju
  • Lesedauer: 3 Min.

Ein Bild von Sun Yang in Siegerpose, kein einziges Wort über den erneuten Skandal bei der Medaillenzeremonie: In seiner offiziellen WM-Zeitung klammert der Schwimmweltverband FINA - wenig überraschend - den Ärger um den Dopingsünder aus China komplett aus. Auch die lautstarken Buhrufe von der Athletentribüne werden verschwiegen, denn die galten ja nicht nur Sun. Sondern indirekt auch der FINA, die die Eklats mit ihrer oft kritisierten Antidoping-Politik heraufbeschworen hat.

In der Krise wirkt der Weltverband überfordert, die Verwarnungen gegen Sun und die protestierenden Schwimmer lösen das Problem nicht mal im Ansatz. »Meiner Meinung nach trägt die Haltung der FINA derzeit leider nicht zu einem glaubwürdigen Kampf gegen Doping und zu einem unumstrittenen sauberen Schwimmsport bei«, sagte Leistungssportdirektor Thomas Kurschilgen in einer Erklärung des Deutschen Schwimm-Verbandes: »Opfer sind dabei die ehrlichen Hochbegabten, denen immer weniger begeisterte Schwimmfans glauben, dass sie ihre Leistungen manipulationsfrei erbringen.« Die Situation sei »schlecht für den Sport«, sagte Doppelolympiasiegerin Britta Steffen: »Im Fall von Sun gibt es so viel Unruhe, dass er sich zu einer Persona non grata entwickelt.« Die Reaktion der Medaillengewinner Mack Horton und Duncan Scott, die dem Chinesen den Handschlag verweigerten und nicht mit aufs Siegerfoto wollten, kann sie verstehen, »mir würde es sicher genauso gehen«.

Ein Glaubwürdigkeitsproblem hat die FINA schon länger. Seit Jahren gilt ihr Umgang mit Dopingvergehen als inkonsequent und vor allem starfreundlich. »Es ist unverständlich«, sagte der Nürnberger Dopingexperte Fritz Sörgel, »dass der Verband einer olympischen Kernsportart so lax mit seinen Dopingsündern umgeht.«

Als Sun zum Beispiel 2014 positiv auf das verbotene Herzmittel Trimetazidin getestet wurde, bekam er nur eine dreimonatige Sperre. Und die Öffentlichkeit erfuhr davon erst, als die Strafe bereits abgesessen war. Sun konnte anschließend bei den Asienspielen starten und drei Titel gewinnen. Als der knapp zwei Meter große Schwimmriese nur ein Jahr später bei der WM in Kasan von der FINA als bester Athlet ausgezeichnet wurde, platzte Adam Peaty der Kragen. Das Verhalten des Weltverbandes, der sich gerne selbst für seine »Null-Toleranz-Politik« lobt, sei eine der »bittersten Erfahrungen« seiner Karriere gewesen, sagte der Brite. Seitdem gilt Olympiasieger Peaty als Chefkritiker der FINA, auch wenn er bei dieser WM auf Wunsch seines Verbandes bislang schwieg. Im Vorfeld hatte er aber andere Athleten wegen Sun, dem im September wegen einer womöglich mit einem Hammer zerstörten Probe eine nachträgliche Sperre droht, dazu aufgerufen, »mehr Druck auf die Verantwortlichen auszuüben, damit diese Typen für immer aus dem Sport verschwinden«.

Horton, Scott oder der deutsche Athletensprecher Jacob Heidtmann, der Suns WM-Start als »Frechheit« und »Schlag ins Gesicht« bezeichnet hatte, bezogen öffentlich klar Position. Auf der Athletentribüne werden demonstrativ Suns Konkurrenten angefeuert, der Chinese selbst ausgebuht. Die FINA betont zwar, sie respektiere die Redefreiheit, ihre Events dürften jedoch »nicht für persönliche Aussagen oder Gesten genutzt« werden. Viele Athleten meinen aber, dass es nicht mehr anders geht. SID/nd

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