Wächtersbach

Die Perspektive der Täter

Dennis Pesch über die Berichterstattung zum rassistischen Mordanschlag in Wächtersbach

Von Dennis Pesch

Könnte man darauf wetten, dass deutsche Medien einen rassistischen Anschlag »fremdenfeindlich« nennen, wären die Wettanbieter vermutlich pleite. Das Grausame ist, dass es in Zukunft noch viele Belege dafür geben wird, weil in Deutschland Rassisten weitere Anschläge und Morde verüben werden. Grausam ist auch, dass die Opfer, die überleben, und die Angehörigen der Ermordeten oftmals traumatisiert sind – auch wegen der Berichterstattung darüber.

Das hat der NSU-Komplex gezeigt. Wer die Betroffenen des Nagelbombenanschlags in der Kölner Keupstraße fragt, wird dort von »der Bombe nach der Bombe« hören. Gemeint ist die Täter-Opfer-Umkehr, gemeint sind jahrelange rassistische Ermittlungen und Berichterstattung. Beim rassistischen Mordversuch im hessischen Wächtersbach, den das Opfer, ein schwarzer Mann, nur knapp überlebte, zeigt sich erneut, dass viele Medien sich nicht mit Rassismus auseinandergesetzt haben. Dabei müsste es längst überflüssig sein zu erklären, warum »Fremdenfeindlichkeit« nicht der richtige Begriff für solche Anschläge ist. Von Rassismus betroffene Menschen, Initiativen und Verbände haben zigfach erklärt, dass »Fremdenfeindlichkeit« die Perspektive der Täter wiedergibt.

Beim rassistischen Mordversuch in Wächtersbach twitterte die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland an die »Welt«: »bitte hört doch endlich auf im Zusammenhang mit den Schüssen auf einen Schwarzen Mann in Wächtersbach von ›Fremdenfeindlichkeit‹ zu sprechen oder hat der Täter vor seiner Tat das Opfer gefragt, woher er kommt? Rassismus erkennen und bekämpfen!« Die Unwissenheit zeigte sich in einer Antwort des »heute journals« an die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli (SPD) ebenfalls auf Twitter: »Liebes heute journal, warum sprecht auch Ihr beim Fall Wächtersbach von «Fremdenfeindlichkeit»? Es ist keine Fremdenfeindlichkeit, wenn Menschen mit Migrationsbiographie niedergeschossen werden. Sie sind nicht fremd. Es ist Rassismus. Nichts anderes! Wann dringt das mal durch?«, fragte Chebli. Das »heute journal« antwortete: »Die Hautfarbe des Opfers war für den Täter ausreichend Grund zum Töten – selbstverständlich ist das Fremdenfeindlichkeit und selbstverständlich ist das Rassismus. Wie alle hoffen, dass der junge Mann aus Eritrea bald wieder mit seiner Familie vereint sein kann.« Durchgedrungen ist da offenbar nichts, das ZDF benutzt die Wörter als wären es Synonyme.

Dabei sollte der Begriff »Fremdenfeindlichkeit« aus den Wörterbüchern gestrichen werden. Fremd ist uns jeder Mensch, den wir nicht kennen, weil wir nicht wissen, wer er ist oder was er macht. Trotzdem schreibt der Duden unter der Wortbedeutung zu »fremd«: »nicht dem eigenen Land oder Volk angehörend; eine andere Herkunft aufweisend«. Wer glaubt, Menschen seien fremd, weil auf einem Blatt Papier steht, dass jemand aus Eritrea kommt, zementiert rassistische Narrative. Welche Herkunft oder Staatsangehörigkeit ein Mensch hat, sagt nichts über den Charakter aus.

Die deutsche Mehrheitsgesellschaft hat die Überzeugung internalisiert, dass derjenige fremd ist, der keine weiße Hautfarbe hat, dass derjenige fremd ist, der nach Deutschland geflüchtet ist, dass derjenige fremd ist, der nicht deutsch spricht. Solange das so ist, werden deutsche Medien weiterhin von »Fremdenfeindlichkeit« sprechen, obwohl es um Rassismus geht. Heike Kleffner vom Verband der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt twitterte dazu: »Menschen werden Opfer von rechter Gewalt, weil die Ideologie der Täter sie als ›anders‹ markiert.« Und genau das tut der Begriff ›Fremdenfeindlichkeit‹ – genauso wie die Definition des Dudens zu »fremd«.