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Preußische Bescheidenheit

Andreas Koristka hat ein gewisses Verständnis für die Rückgabeforderungen der Hohenzollern

  • Von Andreas Koristka
  • Lesedauer: 3 Min.

Vor Kurzem wurde bekannt, dass die Hohenzollern von der Bundesrepublik Deutschland Tausende Kunstschätze und Immobilien zurückhaben wollen. Es sind berechtigte Forderungen, die letztlich darauf gründen, dass die Hohenzollern nach dem Ende des Kaiserreichs nicht allesamt enthauptet wurden, wie es in anderen zivilisierten Ländern gute Sitte war. Wegen dieses Geburtsfehlers der Weimarer Republik verhandelt die öffentliche Hand nun mit den Vertretern der Adligen.

Doch an welchen Deals in den Salons gerade gearbeitet wird, ist noch nicht genau bekannt. Es ist schwerlich vorstellbar, dass die Blaublüter und -bluter alles einfach so zurückbekommen. Derzeit kann man nur vermuten, wie ein Kompromiss aussehen könnte: Beispielsweise wäre es möglich, dass die Hohenzollern das Schloss Charlottenburg wiedererhalten, wenn sie im Gegenzug den Ersten Weltkrieg ungeschehen machen.

Vertreten wird die Adelsfamilie in diesen Fragen vom Urenkel des Kaisers höchstpersönlich. Es ist der Prinz von Hohenzollern, der sich offensichtlich als rechtmäßiger Erbe seines Uropas begreift und der deshalb auch - so kann man es jedenfalls annehmen - gerne das Unrecht der deutschen Kolonialpolitik mit finanziellen Entschädigungen aus eigener Tasche kompensieren möchte.

Gut, das hat er so in aller Deutlichkeit noch nicht verbalisiert, dafür hat er aber andere kreative Vorschläge. Ihro Majestät möchten nämlich gerne in Potsdam-Cecilienhof residieren. Ein Schloss, dass in jüngster Zeit mit Steuermitteln aufwendig saniert wurde. Das ist die preußische Bescheidenheit, die man von Königsberg bis Verdun zu schätzen weiß. Denn natürlich könnte der Prinz auch das ihm zustehende Recht der ersten Nacht zurückfordern. Aber nein, das will er nicht. Das wäre eine zu vermessene Forderung, eine, die wohl auf keine Jungfernhaut ginge. Das weiß er selbst. Nein, er will nur Cecilienhof! Und er will es nicht besitzen, er will dort nur wohnen zum zugegebenermaßen günstigen Quadratmeterpreis von null Euro warm.

Man kann nur hoffen, dass der Prinz sich mit dieser Forderung durchsetzen wird. Die Führungen durch die altehrwürdigen Gemäuer würden jedenfalls einen inhaltlichen Quantensprung machen: »Schauen Sie bitte nach links, auf diesem Stuhl saß Josef Stalin bei den Verhandlungen der Siegermächte nach der Kapitulation der Deutschen im Zweiten Weltkrieg. Und nun schauen sie bitte nach rechts, wo ein Prinz gerade dabei ist, seine Cousine ersten Grades zu schwängern. Ja, sie sehen richtig, das ist ein sechster Zeh an seinem linken Fuß.« Das allein wäre jedes Eintrittsgeld wert! Wenn dann noch spannende Ausführungen zum vierlagigen Toilettenpapier auf den Aborten kommen, für das der Hochklogeborene seine Bediensteten extra nach Rewe schicken lässt, dann werden unsere Kinder wieder gerne zu den Schulexkursionen gehen.

Der deutsche Hochadel ist bekanntlich nicht arm. Deshalb könnte man natürlich fragen, warum Leute, die eigentlich alles haben (selbst einen Erbschaden), nun noch mehr wollen. Dafür muss man sich in folgende Situation denken: Man sitzt zu Silvester mit seinen besten Freunden und ihren Diamanten in einer geselligen Racletterunde und auf einmal fällt einem auf, dass wieder mal eine Schüssel für die Ananasstücke aus der Dose fehlt. Ein Umstand, der so schon ärgerlich genug ist, aber eben noch ärgerlicher wird, wenn Tausende ungenutzte Schüsseln aus edlem Porzellan in deutschen Museen verstauben! Schüsseln, die eigentlich in Privatbesitz der Hohenzollern waren und von Geld gekauft wurden, das der Bevölkerung auf ganz legalen Wegen weggenommen wurde.

Das ist der eigentliche Skandal, gegen den der Adel zu Recht ankämpft. Denn erst wenn die letzte Meißener Soupiere im Fundus der Museen versauert, werdet ihr merken, dass man aus Tupperschüsseln nicht standesgemäß fressen kann.

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