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Falscher Personenkult

Thunberg, Rackete, von der Leyen: Kerstin Wolter und Alex Wischnewski halten die Berichterstattung über neue »Superheldinnen« in der feministischen Bewegung für falsch

  • Von Kerstin Wolter und Alex Wischnewski
  • Lesedauer: 3 Min.

Immer mehr Frauen sorgen heute für Aufmerksamkeit in den Medien und damit für Schlagzeilen und Titelbilder. Gerade noch schwelgten von links bis liberal alle im Liebestaumel mit der US-Fußballweltmeisterin Megan Rapinoe, die durch ihre offene politische Haltung in eine Reihe mit Carola Rackete und Greta Thunberg gestellt wurde. Schon wird sie abgelöst von der Debatte über das Dreiergespann aus EU-Kommissionspräsidentin, deutscher Kanzlerin und ihrer möglichen Nachfolgerin.

Doch auch wenn die ehemalige Militärministerin Ursula von der Leyen (CDU) jetzt unter dem Hashtag EuropeIsAWoman geballte Frauenpower ausruft, kann das nicht darüber hinwegtäuschen, dass mehr als 100 Millionen Menschen in der EU armutsgefährdet sind. Die Mehrheit von ihnen sind Frauen. Aus links-feministischer Perspektive ist die Abgrenzung daher nicht schwer. Und trotzdem: Es sind einprägsame Bilder, wenn sich zwei Frauen bei militärischen Ehren strahlend die Hände halten, während die männlichen Soldaten im Hintergrund mürrisch dreinschauen. Niemand kann leugnen, dass Ereignisse wie diese einen Unterschied machen. Sie zeigen eine Möglichkeit auf und ermutigen jene, die sich jeweils durch Geschlecht, Hautfarbe oder Alter mit ihnen in Verbindung setzen können. Nicht von ungefähr bekommen Frauen, die traditionelle, meist männliche, Repräsentanten in Frage stellen, in der Öffentlichkeit immer mehr Hass zu spüren.

Doch so wie die bürgerlichen Medien funktionieren, machen diese Veränderungen gleichzeitig etwas unsichtbar. Das gilt nicht nur für das deutsche Dreiergespann. Auch bei den neuen »Superheldinnen« - diesen Titel erhielten sie nicht nur einmal - ist die öffentliche Erzählung ein zweischneidiges Schwert. Thunberg hat tausende junge Frauen inspiriert und dazu angeregt, sich erstmals in ihrem Leben politisch zu engagieren. Gerade deshalb ist die Geschichte der Bewegung, die daraus entstanden ist, nicht die Geschichte einer einzigen Frau. Es ist die Geschichte von vielen.

Doch das Herausheben einzelner Akteurinnen funktioniert immer besonders gut in der Berichterstattung. Widerspricht aber nicht genau das dem feministischen Anspruch? Selbst wenn man wollte, ist es schwer, dieser Erzählung zu entkommen. Die Kommission, die den feministischen Streik in Spanien vorbereitete, hat sich deshalb eine eigene Methode überlegt. Zu Medienterminen tauchten die Aktivistinnen immer zu fünfzehnt auf und brachten damit die Pressevertreter aus dem Konzept. Die Idee ging auf. Wohl auch, weil hauptsächlich Frauen über die Vorbereitungen des Streiks geschrieben hatten.

Die Erzählung von den Superheldinnen verschleiert die Bewegungen und organisatorischen Strukturen dahinter. Denn was passiert mit jenen Bewegungen, die keine solchen Superheldinnen haben? Stimmen aus dem globalen Süden sind derzeit nur wenige zu hören, auch wenn - wie etwa aktuell gegen die Politik des faschistischen Präsidenten Jair Bolsonaro in Brasilien - schwarze Frauen wichtige Stichwortgeberinnen sind.

Was all die Frauen an der Spitze der aktuellen Bewegungen gemein haben, ist, dass sie ihre Aufmerksamkeit nicht für sich allein nutzen. Sie sprechen von Klimakrise, vom Sterben auf dem Mittelmeer sowie von Homo- und Transfreindlichkeit. Sicher, Frauen sind nicht frei von Konkurrenzdenken und Leistungsdruck. Auch sie sind vom Patriarchat und den Anforderungen im neoliberalen Kapitalismus in unterschiedlicher Weise gezeichnet. Solidarisch mit anderen zu sein, ist in diesen Verhältnissen bereits eine widerständische Handlung. Sie ist Voraussetzung und Folge gemeinsamer Kämpfe.

Ein Negativbeispiel für ein »Idol« ohne Kollektiv ist Alice Schwarzer. Der einstige »Star« des Zweite-Welle-Feminismus kann nicht damit umgehen, dass er ins Abseits geraten ist, auch wenn er sich selbst dorthin geschossen hat. So lamentierte Schwarzer kürzlich in der »Welt« über die »ambitiösen jungen Medienfrauen«, die doch nur scharf auf ihre »Spitzenposition« seien. »Wenn ich alte Schrapnelle endlich weg wäre, denken sie, könnten sie nachrücken.« Bedauerlicherweise hat Schwarzer noch nicht mitbekommen, dass es heute längst nicht mehr nur Platz für eine »widerspenstige« Frau gibt. Es gibt viele. Und sie werden eingenommen. So oder so.

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