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Motivationsbremse Hartz IV

Noch Tausende Ausbildungsplätze unbesetzt - IHK fordert mehr Anreize für duale Ausbildung

  • Von Vanessa Fischer
  • Lesedauer: 3 Min.

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Von der »Mittelspur auf die Überholspur« will die Ausbildungsreferentin der Industrie- und Handelskammer (IHK), Anne Neidhardt, die duale Berufsausbildung bringen. Die Mittelspur, das sind die derzeit noch knapp 6900 unbesetzten Stellen. »Jedes dritte Berliner Unternehmen konnte Ausbildungsplätze 2019 nicht besetzen«, erklärt Neidhardt zum Start des Ausbildungsjahres 2019/20 am Donnerstag auf einer Pressekonferenz der Kammer.

Insgesamt 15 384 betriebliche Ausbildungsplätze bieten Unternehmen in diesem Jahr in Berlin an. Das sind 284 mehr als im Vorjahr - ein »Zehn-Jahres-Rekordhoch«, so Neidhardt. »Die Chancen für Jugendliche, jetzt noch einen attraktiven Ausbildungsplatz zu finden, standen selten so gut wie heute«, sagt IHK-Präsidentin Beatrice Kramm deshalb. Freie Plätze gebe es noch in allen Branchen und für die meisten Berufsbilder.

Hintergrund der vielen unbesetzten Stellen ist laut dem Bereichsleiter Fachkräfte & Innovation, Constantin Terton, unter anderem die Tatsache, dass die Zahl der Plätze in den vergangenen zehn Jahren um 60 Prozent gestiegen ist - bei gleichzeitig stagnierenden Bewerbungszahlen. Dennoch bleiben auch in diesem Jahr wieder zahlreiche Jugendliche ohne Ausbildungsplatz. Warum sie durch das Raster fallen, müsse künftig genauer untersucht werden, so Terton. Die Anerkennung von Ausbildungsberufen in der Gesellschaft müsse vorangetrieben werden, fordert Anne Neidhardt. Die IHK habe die Politik bereits zu weiteren Maßnahmen aufgefordert, um die duale Ausbildung attraktiver zu machen. Dazu gehöre etwa der im Bundesgesetz festgelegte Umgang mit Auszubildenden, deren Eltern Bezüge des Jobcenters erhalten: »Das Azubi-Gehalt darf nicht länger mit eventuellen Hartz-IV-Ansprüchen der Familie verrechnet werden«, konkretisiert Beatrice Kramm. Knapp 30 Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Berlin leben in Bedarfsgemeinschaften. »Sie wären eventuell die ersten Personen aus der Familie, die ein Einkommen jenseits von Hartz IV generieren könnten«, erklärt Constantin Terton. Werde ihnen das weggenommen, sei das »eine sehr starke Motivationsbremse«, so Terton weiter. Die IHK hatte den Senat deshalb bereits vor einem Jahr aufgerufen, im Rahmen einer Bundesratsinitiative diesbezüglich tätig zu werden. Neben der Hartz-IV-Bremse seien die vielen unbesetzten Stellen auch der Tatsache geschuldet, dass sich viele Jugendliche mit ihren Bewerbungen lediglich auf die TOP-5-Berufe konzentrierten.

Das werde der Bandbreite der Ausbildungsberufe jedoch nicht gerecht. »Mal nach rechts und links schauen« sollten die Jugendlichen stattdessen, meint Terton. Es gebe über 300 Ausbildungsberufe: »Da ist für jeden etwas dabei.« Daneben müssten auch die allgemeinbildenden Schulen schon die Weichen für die spätere Berufsausbildung stellen, erklärte der IHK-Bereichsleiter weiter. Unternehmen hätten in den vergangenen Jahren immer mehr von Mängeln im schriftlichen und mündlichen Ausdrucksvermögen der Azubis berichtet. Auch die Berufsorientierung müsse gestärkt werden, »damit die Jugendlichen realistische Vorstellungen von den Berufen bekommen«, so Terton. Etwa die Hälfte der Bewerber*innen hätten derzeit unklare Berufsvorstellungen. Hingegen habe sich der Prozentsatz der Unternehmen, die finanzielle und materielle Anreize bieten, in den vergangenen fünf Jahren verdoppelt, erklärt Neidhardt. Dazu zählen laut der IHK-Referentin neben einer übertariflichen Vergütung oder dem Anspruch auf mehr Urlaubstage auch Mobilitätszuschüsse. Das ab dem 1. August erhältliche Azubi-Ticket für 365 Euro pro Jahr wurde ausdrücklich begrüßt. 82 Prozent der Unternehmen hätten zuvor angegeben, dass sich die Situation für Auszubildende dadurch in Berlin verbessern ließe. Zuvor seien Azubis gegenüber Studierenden und Schüler*innen benachteiligt gewesen.

Noch eine Chance für alle Unversorgten bietet die Last-Minute-Börse am 11. und 12. September in der Arena Treptow. Dort können Jugendliche auch nach dem Start des Ausbildungsjahres noch fündig werden.

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