Alkoholismus

Genuss ohne schlechtes Gewissen

Dr. Steffen Schmidt ist Wissenschaftsredakteur des »nd« und der Universalgelehrte der Redaktion.

Von Wolfgang Hübner

Weltweit nimmt laut Statistik der Alkoholkonsum zu. Obwohl eigentlich jeder weiß, dass Alkohol gesundheitsschädlich ist.

Auch die Raucher dürften meist wissen, dass das mit größter Wahrscheinlichkeit übel für sie ausgeht. Der Punkt ist beim Alkohol oft, dass man sich in Gesellschaft nicht ausschließen will. Und dass ein Rausch entsteht. Dann ist die Welt nicht mehr ganz so beschissen.

Jetzt hat ein englischer Unternehmer alkoholfreien Schnaps destilliert. Was kann das mehr sein als Wasser, das im Hals kratzt?

Eigentlich nichts. Gewürztes Wasser halt. Es wird vor allem in Cocktails verwendet. Vielleicht soll das Zeug auch die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Alkohol aufgreifen: Essenz.

Ist das Trinken von alkoholfreiem Alkohol eine Ersatzhandlung, so wie bei Tofuwurst, die schmecken soll, als wäre sie vom Fleischer?

Das spielt bestimmt eine Rolle. Die Leute wollen etwas genießen ohne schlechtes Gewissen, aber auch ohne Verzicht auf Genuss. Und wenn das Zeug auch noch teuer ist, hat man das Gefühl, man leistet sich was.

Eine bewusste Entscheidung wäre: vegan leben, auch ohne das nichtvegane Gefühl.

Wenn man das Veganertum als Religion betrachtet, dann wäre es ein Frevel, wenn Tofu wie Wurst aussieht. Aber es gibt ja viele Gründe, Vegetarier oder Veganer zu werden. Will man aus Umweltgründen den Fleischkonsum reduzieren, tut es auch die Ersatzhandlung. Allerdings wird bei veganen Imitaten die Ähnlichkeit oft mit allerlei Chemie erkauft.

Zum Beispiel?

Beispielsweise bei Schuhen. Wenn du da Leder als Tierprodukt vollständig ersetzen willst, findest du entweder wenig haltbares Zeug oder Kunststoffe, bei denen sich andere Umweltfragen stellen. Leder ist unglaublich haltbar. Der Regisseur James Cameron fand bei Tauchfahrten zum Wrack der »Titanic« heraus, dass neben Porzellan aus der Schiffskantine nur Ledersachen dem Meerwasser gut standgehalten haben.

Apropos Ersatzhandlung: Man könnte Autofans den Umstieg aufs Elektroauto erleichtern, indem man es ordentlich knattern und blaue Wolken ausstoßen lässt.

Knattern wäre sowieso eine gute Idee, weil Elektromotoren sehr leise sind. Zum Beispiel bei den E-Rollern der Pizzafahrer. Ein Akustikdesign könnte helfen, Unfälle zu vermeiden.

Spielt alkoholfreier Alkohol eine Rolle bei Kampagnen zur Verkehrssicherheit?

Beim berühmt-berüchtigten »Aubi«, also Autofahrerbier, in der DDR war das der Punkt.

Das ist doch eine gute Kombination: erst ein alkoholfreies Bier trinken und dann ins E-Auto steigen.

Genau, und zum Bier noch eine vegane Wurst.