Schattenseiten

Die harmlose Schwester

Stephan Kaufmann verfinstert das Tröstende der Schattenseiten

Von Stephan Kaufmann

In der brütenden Sommerhitze lockt der Schatten mit Aussicht auf etwas Kühlung. In der Wirtschaftsberichterstattung dagegen versinnbildlicht er das Negative. Zum Beispiel in Spanien. Dort hatte die Regierung den Arbeitsmarkt an die Bedürfnisse der Unternehmen angepasst. Laut dem Magazin »Der Spiegel« ist dadurch die Wettbewerbsfähigkeit des Landes gestiegen und die Arbeitslosigkeit gesunken. »Allerdings hat die Liberalisierung in Spanien Schattenseiten. Etwa die Millionen prekären Arbeitsverhältnisse.«

Die Schattenseite ist fester Bestandteil der Argumentation kritischer Beobachter des Geschehens. Sie kennen Schattenseiten des technischen Fortschritts wie Stress oder Arbeitslosigkeit, des Wirtschaftswachstums, Stichwort Klimawandel, oder eben der Deregulierung: Armut. In ihrer Welt hat alles im Ausgangspunkt Chancen und Risiken und im Ergebnis Licht und Schatten, was nur zeigt, dass jede Medaille zwei Seiten hat.

Die Rede von der »Schattenseite« kommt im Gewand der Kritik daher, doch ist sie bestenfalls deren kleine, harmlose Schwester. Denn erstens macht sie aus einer logischen Folge ein nicht-kausales Nebeneinander nach dem Muster: Nicht die Armut folgt aus der Entrechtung der Arbeitnehmer, sondern das Gute, sinkende Arbeitslosigkeit, und das Schlechte, prekäre Jobs, ergeben sich irgendwie gleichzeitig. In dieser Logik könnte man auch sagen, dass ein Krieg zwar zu Geländegewinnen führt, aber mit Tod und Zerstörung durchaus seine Schattenseiten hat.

Zweitens wird die schädliche Nebenwirkung zu etwas Unabänderlichem erklärt. Denn wo Licht ist, da ist auch Schatten, kein Berg ohne Tal. Damit wird zwar nichts erklärt, schon gar nicht Armut oder Umweltzerstörung, aber Trost gespendet: »Schattenseiten gehören zum Leben dazu«, klärt uns die »Deutsche Welle« auf. »Trotz allem sollten wir uns auf das Positive konzentrieren: Denn wo es Schatten gibt, gibt es bekanntlich ja auch Licht.« Die Schattenseite ist Bestandteil der Alltagsreligion.

Drittens gibt der Verweis auf die Schattenseiten vor, die Verhältnisse zu kritisieren, lässt sie aber bloß hochleben. Denn die Schattenseite ist die dunkle Seite von etwas eigentlich Hellem, Gutem, das versehentlich auch Kollateralschäden mit sich bringt. Wie bei der Arbeitsmarktderegulierung in Spanien, wo die die Verarmung der Leute zu einer unbeabsichtigten Nebenwirkung der beabsichtigten Verbilligung der Arbeitskraft gemacht wird.

Die Schattenseite als Joker der Argumentation setzt das Einverständnis mit den Verhältnissen voraus. Sie ist ein »Ja, aber«, bloß ein kleiner Einwand, keine Ablehnung. Daher aufgepasst, wenn demnächst von den »Schattenseiten des Nationalsozialismus« gesprochen wird, in dem ja auch nicht alles eitel Sonnenschein war.