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Landtagswahl

Dr Sachse dud doch gniedschn

Wolfgang Hübner hat vor der Landtagswahl in Sachen einen Vorschlag: Wer die Sachsen verstehen will, muss ihnen zuhören.

Von Wolfgang Hübner

Wer die Sachsen verstehen will, muss ihnen zuhören. Das Schriftliche gibt nur unvollkommen wieder, was Sächsisch bedeutet. Man muss es hören. Oder gehört haben, damit man beim Lesen weiß, wie es klingt.

Deshalb zunächst eine kurze Unterweisung: Der Artikel »der«, in der sächsischen Schriftsprache oft »dr«, ist ein komplexes Gebilde. Denn zwischen »d« und »r« passiert etwas. Es klingt ja nicht wie der Anfang von Dresden. Das Geräusch dazwischen entsteht ansatzlos im Kehlkopf und implodiert noch im Moment des Entstehens. Ein ferner Verwandter des »o«, scharf abgehackt, das angehängte »r« fast unhörbar. So weit Lektion Nummer 1.

»Dr« - Sie wissen nun, was Sie sich vorstellen müssen - »Dr Sachse dud nich gniedschn, dr Sachse singd ä Liedchn!« Das schmetterte einst der famose Leipziger Kabarettist Jürgen Hart in seiner Hymne »Sing, mei Sachse, sing«. Abgesehen davon, dass man das heute nicht mehr so formulieren würde (der Sachse als Synonym für alle Diversitäten der sächsischen Bevölkerung) - Lektion Nummer 2: gniedschn. Einem einschlägigen Wörterbuch zufolge bedeutet dieses Verb drücken, knittern. Im Liedtext ist gemeint: meckern, jammern. Eben das, was - so Hart - »dr Sachse nich dud«.

Jürgen Hart ist im Jahre 2002 gestorben. Er musste nicht mehr erleben, wie der Sachse gniedschd, bis es quietscht. Gniedschn - das kann man bei Pegida studieren - beinhaltet neben schlechter Laune auch Larmoyanz, Selbstmitleid, gekoppelt mit Selbstgerechtigkeit und einer Aversion gegen irgendwas: die Zustände, die da oben, die anderen.

Von Pegida ist nicht mehr viel übrig. Jene Sachsen, die unbedingt gniedschn wollen, haben jetzt die AfD. Womit auch gesagt ist: Längst nicht alle Sachsen sind dabei. Aber doch so viele, dass nach 30 Jahren schon wieder eine Staatspartei wankt. Und jeder empörte Sachse hat einen Grund oder glaubt, einen zu haben. »Ich bin nich gegen Ausländr, aber gegen die Vorbröschr.« Natürlich sind die Verbrecher dann immer die Ausländer.

Das macht es übrigens so leicht, die sächsischen Wutbürger lächerlich zu machen. Wie die schon reden! Sächsisch ist blöderweise der unbeliebteste deutsche Dialekt. Das galt schon vor Pegida. Wer ist daran schuld? Walter Ulbricht etwa? Wer eine ironische Anmerkung machen will, verfällt gern ins sächsische Idiom. Ob er es beherrscht oder nicht, es funktioniert zuverlässig: Beim Klang des Sächsischen beginnt fast jeder zu lachen. Ähnlich ergeht es nur den Schwaben.

Das mag - neben allem, was handfest und beweisbar zu diskutieren wäre - zu dem Gefühl beitragen, immer schon benachteiligt gewesen zu sein. Unterm Kaiser, in der DDR, heute wieder. Wie das mit Gefühlen so ist: Sie brauchen keinen Beweis. Um es mit Jürgen Hart zu sagen: Es is ä eichn Ding.

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