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Der ökonomische Faktor

Befreiter Sex, befreite Gesellschaft? Warum es nicht ausreicht, oft Ficken zu sagen, und was uns die DDR noch immer über das Politische am Genuss erzählt

  • Von Kathrin Gerlof
  • Lesedauer: 4 Min.

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Sexualität: Der ökonomische Faktor

Kürzlich war zu lesen, dass es möglich sein könnte, das Klima zu retten (ein bisschen jedenfalls) – durch Verzicht auf das Anschauen von Pornos im Internet. Das Streamen von Online-Videos verursache einen enorm hohen CO2-Ausstoß, rund 300 Millionen Tonnen CO2 jährlich, was immerhin einem Prozent der globalen Emissionen entspricht. 27 Prozent von diesem einen Prozent entfallen auf gestreamte Pornos, was dem jährlichen CO2-Ausstoß von Belgien, Bangladesch oder Nigeria gleichkomme, berichtete das Wissenschaftsmagazin »New Scientist« und berief sich auf die Untersuchungsergebnisse von »The Shift Project«, einem französischen Thinktank.

An dieser Stelle wirkt die Nachricht erst einmal wie eine sehr steile Kurve, um sich dem Zusammenhang von Sex und Ökonomie zu nähern. Einfacher wäre sicher, mit der Pornoindustrie und allen anderen Wirtschaftszweigen (kriminell, halblegal, legal) einzusteigen, deren Gewinne sich aus Geschäften mit Sexualität und der Befriedigung sexueller Bedürfnisse speisen. Es liegt auf der Hand, dass der so einfallsreiche wie effiziente Kapitalismus auch hier für jedes Bedürfnis Produkte kreiert und zugleich stetig neue Bedürfnisse schafft, denen geldversprechende Produkte zur Seite gestellt werden. Eine sehr alte Geschichte.

In dem Buch »Frauen und Pornografie«, das die Verlegerin Claudia Gehrke 1988 im Konkursbuch-Verlag herausgab, schrieb die österreichische Autorin Elfriede Jelinek: »Das Obszöne ist dann gerechtfertigt, wenn man den Beziehungen zwischen Männern und Frauen die Unschuld nimmt und die Machtverhältnisse klärt.« Dieser Erklärung folgt eine kurze Geschichte über die sexuelle Verfügungsgewalt eines Ehemanns über seine Frau, die sich seiner ökonomischen Macht und seinen Trieben zu beugen hat. Die Machtverhältnisse geklärt auf zwei Seiten. Grauenvoll gut.

Claudia Gehrke schlug einen weiten Bogen, hin zur patriarchal-christlichen Ideologie, die Sexualität zur bloßen Notwendigkeit der Natur erklärte, weil nun mal die bis heute beste und kostensparendste Möglichkeit der Fortpflanzung. Aber auch die Christen, zumindest die Katholiken unter ihnen, erkennen den ökonomischen Teil des Triebes an. Der Zölibat als Enthaltsamkeitsgebot für Priester, so der Kirchenhistoriker Hubert Wolf in seinem aktuell erschienenen Buch »Zölibat. 16 Thesen«, beinhalte ein starkes wirtschaftliches Kalkül. Pfarrer ohne Familie vererben der Kirche und nicht den Kindern.

Sexualität ist etwas zutiefst Kulturelles, schrieb Claudia Gehrke 1988. Und monierte an der linken Liberalisierung, dass all diese Bemühungen keine erotischen Kulturen schafften. Die Erotik habe man dem großen Kapitalismus, den industriellen Pornosubkulturen, den Illustriertenkonzernen überlassen. »Es hat ja auch etwas mit Kapital zu tun, welche Bilder sich massenweise durchsetzen können, ganz platt mit Geld …«

Wobei es zumindest an kleinen Versuchen nicht mangelte, sich dieser Geldmacherei sozusagen von links zu nähern und auch ein bisschen von ihr zu profitieren. Eine der schöneren Geschichten ökonomischen Aufschwungs und dann doch Niedergangs ist die über die 1968 in Hamburg von einem Raritätenhändler und einem Fotografen gegründeten »St. Pauli Nachrichten«, die mit pornografischen Bildern, Kontaktanzeigen und politisch links gerichteten Texten aufwarteten. Henryk M. Broder, Stefan Aust, Michel Roger Lang gehörten zu den Redakteuren, Gesellschafter der Hamburger Buchdruckerei und Verlagsanstalt Auerdruck GmbH, bei der das Blatt gedruckt wurde, waren unter anderem die SPD-Politiker Alfred Nau und Herbert Wehner. Die Auflage überschritt zeitweise die Millionengrenze, das Anzeigengeschäft boomte. Henryk M. Broder erklärte später in einem Interview: »Wir dachten, wenn wir das Wort Ficken nur oft genug schreiben, dann werden die gesellschaftlichen Fundamente schon einstürzen.« So ist es nicht gekommen.

Auch wenn es abgeschlossene Vergangenheit ist, lässt sich noch heute etwas daraus lernen, wie sich Sexualität, Schamgefühle, das Kulturelle verändern, wenn zumindest die ökonomischen Verhältnisse andere sind. In seinem 1999 erschienenen Buch »Die Ostdeutschen« widmete der Soziologe Wolfgang Engler Sexualität, Nacktheit und Partnerschaft ein ganzes Kapitel, auch um zu erklären, dass die These von der sexuellen Liberalisierung in Ostdeutschland nur begrenzt als Erklärung taugt. Die soziale Gleichheit habe maßvolle Genüsse geboten, an denen jede und jeder teilhaben konnte. Der politische Druck jedoch lud zu maßlosen Genüssen ein, zu sexueller Kompensation von Ohnmachtserfahrungen.

Engler lässt den Sexualwissenschaftler Kurt Starke zu Wort kommen, der sagt: »Dass Sex in einem verhältnismäßig entwickelten Industrieland nicht zur Ware wurde, kann man als ein wichtiges historisches Experiment ansehen … Mann und Frau waren sexuell gleichberechtigt, verhielten sich auch so und orientierten sich zudem an eigenen Erfahrungen, eigenen Maßstäben des sexuellen Gelingens. Sie überforderten weder den anderen noch sich selbst und waren weitgehend frei von sexuellem Leistungsdenken.«

1980 hatte Kurt Starkes Team die Orgasmusraten und -fähigkeiten der Ostdeutschen ermittelt, die erhobenen Zahlen wurden international schwer angezweifelt, sagten sie doch, dass bei den damals 20-Jährigen die Orgasmusfähigkeit bei 98 Prozent lag. Ökonomisch betrachtet hatte diese Spitzenposition keine rettenden Auswirkungen. Da waren dann doch andere Raten und Fähigkeiten wichtiger und deren schlechte Werte am Ende ein wesentlicher Beitrag zum Desaster.

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