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Hej Chef, wir fasten grade und konkurrieren nicht

  • Von Sabine Nuss
  • Lesedauer: 5 Min.

Ist Ihnen in letzter Zeit auch aufgefallen, dass immer mehr Mitmenschen gegen 12 Uhr oder 14 Uhr, manchmal auch gegen 17 Uhr unruhig werden? Manche sogar schlecht gelaunt? Und wenn sich der Uhrzeiger der vollen Stunde nähert, dann plötzlich rasch und entschlossen, zunehmend fröhlicher, zur Stulle greifen? Oder in die Kantine eilen? Ja?

Dann sind Ihnen Teilnehmer der jüngsten Diät-Welle begegnet. Sie macht schon seit einiger Zeit die Runde und nennt sich kurz: Intervall-Fasten. Noch nie davon gehört? Macht nichts, es ist schnell erklärt. Statt aufwendig Kalorien zu zählen, oder die Bestandteile der Nahrung, wie Kohlenhydrate, Fette, Zucker et cetera auszurechnen, um sich daraus einen maßgeschneiderten Speiseplan zusammenzustellen, kostet Intervall-Fasten kein Kopfzerbrechen. Es ist so einfach wie das Einmaleins: Man isst ein paar Stunden. Und ein paar Stunden nichts.

Das machen Sie sowieso? Ich auch. Aber: Der Trick am Intervall-Fasten ist, 8 Stunden zu essen und 16 Stunden zu fasten. Oder so ähnlich. Denn es gibt mehr als ein Dutzend Varianten: 12/12 Stunden-Diät (faste 12 Stunden, esse 12 Stunden), 5-zu-2-Diät (faste für 2 Tage die Woche), 24Stunden-Diät (faste 1-2 Mal pro Woche für 24 Stunden), 10-in-2Methode (faste jeden zweiten Tag) oder Warrior-Diät (faste während des Tages, esse eine große Mahlzeit in der Nacht), das Dinner-Cancelling (selbsterklärend), oder, meine persönliche Lieblingsvariante: Essen auslassen, wenn dir danach ist.

Medizinisch ist bei Dr. Google umfangreich erklärt, wieso das gesund ist, wieso es wirkt und was es uns Gutes tut. Man hat es bei Mäusen getestet. In der U-Bahn, am Mittagstisch, beim SkatSpielen tauschen sich Leute darüber aus, wie viele Stunden man noch was essen darf oder ab wann man erst wieder was essen darf, dass man das aber auch nicht dogmatisch sehe, »neulich einfach mal paar Stunden früher gegessen« (nicht schlimm), und so weiter.

Intervall-Fasten ist derzeit also in der kollektiven Erprobung. Mitunter mischen sich ältere Fasten-Arten darunter, zum Beispiel: nur Suppe essen. Wie neulich, als Gäste zu Besuch kamen (zum Essen), wovon einer Vegetarier war, der andere wegen der Hitze nichts Warmes wollte und der Dritte grade im Suppen-Fasten steckte (Na, was gabs?).

Nun ist Fasten nichts Neues, es war schon immer Teil der Gesundheitspflege, als Heilfasten, hatte aber oft auch religiöse oder spirituelle Motive. Das Fasten zur Gewichtsreduktion soll aber erst Mitte des 20. Jahrhunderts aufgekommen sein. Jedenfalls ist Verzicht »in«. Seit ein paar Jahren rufen die protestantischen und katholischen Kirchen regelmäßig zum Klimafasten auf. Über sieben Wochen lang werden Anregungen gegeben, wie man anders einkaufen kann, anders mobil sein, weniger Energie verbrauchen, fair einkaufen, et cetera. Man möchte zur Verkleinerung des ökologischen Fußabdrucks beitragen, zur Bewahrung der Schöpfung. Es gibt sogar einen Flyer.

Das Klimafasten passt in die Greta-Ära, in der angeprangert wird, wie Wachstum und Konsum auf Kosten der Umwelt gehen, in der »Flugscham« zum Hashtag geworden ist und die Politik eine Karikatur ihrer selbst. Der Aufruf zum Verzicht löst bei Marxisten (in dem Fall adäquate Genderschreibweise) unisono Kritik aus. Dahinter verberge sich verkürzte Kapitalismuskritik! Es führt unterkonsumtionstheoretisch in Widersprüche (wenn nix gekauft wird – Krise), den Kapitalismus aber, the one and only Ursache, wird es nicht überwinden. Das Ganze trage außerdem den Klassencharakter des Bildungsbürgertums und verschleiere den Gegensatz von Kapital und Arbeit.

Jesus! Möchte man ausrufen. Wir hätten auch gerne lieber Kapitalismusfasten statt Klimafasten, aber wie, in Herrgotts Namen, soll das gehen? Was wäre, wenn wir aufrufen: Alle mitmachen beim Kapitalismusfasten! Was würde in unserem Flyer stehen? Ha! Gar nicht so einfach, nicht? Es fängt schon an bei der Wahl der Variante. Sollen wir die 16/8-Variante nehmen? 16 Stunden kein Kapitalismus. 8 Stunden Kapitalismus. Oder das Warrior-Modell (nur mal nachts einen großen Kapitalismus)? Oder das Dinner-Cancelling (abends auf Kapitalismus verzichten, aber viel Wasser trinken)?

Aber im Ernst: Worauf würde man eigentlich verzichten? Die Lohnarbeiter*innen würden nicht mehr arbeiten gehen? Die Räder stünden still? Keiner würde mehr was kaufen? Oder eher so: Alle tätigen Produzent*innen würden das Kommando über die Produktion und Konsumtion in ihre Hand nehmen, digital in Echtzeit ermitteln, was hergestellt wird und wie viel, Kohlendioxid-Ausstoß wäre direkt als Datensatz hinterlegt, das Kapital wäre auf Diät gesetzt, wegen Verzicht auf Profitmaximierung, der Kapitalist ruft alle seine Konkurrenten an: »Hej, CEO, wir fasten grade und konkurrieren nicht. Was habt ihr denn so in der Pipeline? Kommst du mit auf den Golfplatz?« Die Börsen wären geschlossen, das Jobcenter auch und Anja Kohl hätte Urlaub.

Leider ist die Kolumne jetzt zu Ende. Aber der Flyer würde lang werden. Ein Spaß wärs. Zumindest für 8 Stunden. Oder 12?

Sabine Nuss ist Verlegerin des Dietz Verlages Berlin und hat über Eigentumsfragen im digitalen Kapitalismus promoviert.

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