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  • Liebesleben

Angebot. Nachfrage. Und Hologramme.

Zehn Probleme des gesellschaftlichen Liebeslebens

  • Von Tom Strohschneider
  • Lesedauer: 5 Min.

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Angebot

Eine Email mit einem Betreff, der mehr sagt, als der Absender weiß: »Leistung Macht. Spaß?« Die falsche Großschreibung als versehentliche Ideologiekritik: »Sehr viele Männer heutzutage haben große Probleme im Liebesleben. Hatte Sie auch in letzter Zeit Erfahrungen damit? Nach einiger Zeit wird das beste Stuck schwächer! Ihre Postsendung ist innerhalb von 12 Stunden zu Ihnen unterwegs. Die Zustellung erfolgt zollfrei, anonym von Deutschland. Unsere Artikel haben Haltbarkeit von 18 Monate. Ab jetzt nie wieder einen halb Steifen mehr.« »Spaß?« Iwo. Alles eine Frage der »Leistung«, und die schreibt sich hier: »Macht«.

Nachfrage

Die Berliner*innen geben 81 Euro im Monat für Erotikartikel aus, also für Dessous, Dildos und so weiter. In Köln sind es im Schnitt nur 62 Euro, in Leipzig 55 Euro und in Hamburg 51 Euro. Woher der Kreditvermittler Vexcash das weiß, ist nicht bekannt. Aber die entscheidende Frage haben Sie jetzt ja trotzdem im Kopf: Warum brauchen die Hauptstädter*innen mehr Zubehör? Und können die sich das – »arm, aber sexy« – überhaupt leisten? Jedenfalls: Vor dem Knutschen kommt der Kauf, vor der Wonne die Ware. Die nächste Frage wäre: Ist das denn ein Problem?

Zurechtgestanzt

»Wer tagein, tagaus als Maschine drei Handgriffe machen, wer Jahr um Jahr als Maske nutzlose Waren an den Käufer bringen, wer ein Leben lang als Handlanger tote Akten gegen Menschen führen muss, wer so im allgemeinen Leben zurechtgestanzt wird, der kann nicht einfach im Liebes- und Geschlechtsleben das Gegenteil von Maschine, Maske, Handlanger sein – plötzlich er selber, unverstellt, die Seele ganz gelöst.« (Volkmar Sigusch: »Vom Trieb und von der Liebe«, 1984)

Einerseits

»Auf der einen Seite hat Marx die kapitalistische Produktionsweise als eine große, revolutionäre Entbindung gepriesen, als das Werkzeug einer historisch überfälligen, allerdings erzwungenen Emanzipation. Aber zugleich konnte er nicht übersehen, dass mit dieser Entbindung und Profanierung auch moralische Verkehrungen und kulturelle Regressionen einhergingen, die seine Befürchtungen über die tendenziell verheerenden Wirkungen dieser Produktionsweise verstärkten.« (Gerd Koenen: »Traum und Schrecken der Emanzipation«, in: »Frankfurter Rundschau«)

Andererseits

Die meisten Suchanfragen nach Pornoseiten hierzulande werden in den Kategorien Teen, Anal und Big Tits gezählt. Vor allem im November. Die Konkurrenz flimmert am anderen Bildschirm: Während des Halbfinales der Fußball-Weltmeisterschaft der Männer 2016 soll der Traffic auf Pornoseiten um 44 Prozent eingebrochen sein.

Strukturwandel

Im Jahr 2015 wurden auf dem Portal Pornhub 88 Milliarden Videos gestreamt. Bundesbürger gehörten demnach zu den Top 5 der Konsument*innen. Drei Jahre später meldet die Deutsche Presse-Agentur: »Der Erotik-Fachhandel in Deutschland nimmt angesichts der Online-Konkurrenz kaum noch Geld mit Pornos ein.« Vor 20 Jahren hätten viele Shops mit dem Verkauf und der Vorführung von Filmen in Kabinen noch 70 Prozent ihrer Umsätze gemacht. Heute seien es gerade einmal 30 Prozent. Auch Streaming-Dienste, mit denen Kunden gegen einen Betrag oder eine Pauschale Sexfilme im Netz schauen können, setzen dem stationären Handel zu. Mit Folgen: Unter anderem der Oldie »Beate Uhse« ging Ende 2017 insolvent. Doch wo Schwund ist, wächst Neues: »Das Thema Toys ist immer weiter gewachsen.« Der Elektronikkonzern Philips bezifferte vor einigen Jahren das Marktpotenzial auf 280 Millionen Euro in Westeuropa. Dabei machen einerseits Onlineangebote dem stationären Handel das Leben schwer, andererseits nimmt das Wachstum auch in Drogerien und anderen Kaufhallen zu, die Sexspielzeug ins reguläre Sortiment übernommen haben. Man wolle gemeinsam »den offenen Umgang mit Liebe, Beziehung und Sexualität zur Normalität machen«, wird eine Geschäftsführerin zitiert.

Fortschritt

»Ein Vibrator in Form des männlichen Geschlechtsteils ist einfach alles andere als innovativ.« Doch Rettung naht, weiß das Portal »ZeitJung«: Ziel sei es, »eine virtuelle und dreidimensionale Umgebung zu schaffen, in welche man sich nicht nur bewegen, sondern auch agieren kann.« Und mehr noch: »Die ferne Zukunft liegt vermutlich aber eher bei Hologrammen.«

Schlechter Rat

Hologramme? »Abgesehn von dem Unsinn, dass die ganze Arbeiterklasse unmöglich den Beschluss fassen kann, keine Kinder zu machen, macht im Gegenteil ihre Lage den Geschlechtstrieb zum Hauptgenuss und entwickelt ihn einseitig. Nachdem die Bourgeoisie die Existenz des Arbeiters auf ein Minimum herabgedrückt, will sie auch noch seine Reproduktionsakte auf ein Minimum beschränken. Wie wenig ernst es übrigens der Bourgeoisie mit diesen Phrasen und Ratschlägen ist und sein kann, geht aus folgendem hervor: Erstens: Die moderne Industrie, indem sie Erwachsne durch Kinder verdrängt, teilt eine wahre Prämie auf das Kindermachen aus.
Zweitens: Die große Industrie bedarf beständig einer Reservearmee unbeschäftigter Arbeiter für die Zeiten der Überproduktion. Der Hauptzweck des Bourgeois gegenüber dem Arbeiter ist ja überhaupt, die Arbeitsware möglichst wohlfeil zu haben, was nur möglich ist, wenn die Zufuhr dieser Ware möglichst groß ist im Verhältnis zur Nachfrage nach derselben, das heißt, wenn möglichst viel Überbevölkerung stattfindet. Die Überbevölkerung ist also im Interesse der Bourgeoisie, und sie erteilt dem Arbeiter einen guten Rat, von dem sie weiß, dass er unmöglich auszuführen ist.« (Karl Marx: »Arbeitslohn«, MEW 6/552.)

Untergeschoben

»Die Philosophie verhält sich zum Studium der realen Welt«, auch diesen Satz soll Karl Marx gesagt haben, »wie das Onanieren zur sexuellen Liebe«. Mit Brecht dagegengehalten: so viele Fragen. Das geht bei der Hierarchisierung von Masturbation und Sex los und hört noch nicht auf, wo der Alte aus Trier mal eben im L-Wort zusammenwirft, was sich doch erst aus dem Spannungsverhältnis von Emotion, also Natur, und Gefühl, also Gesellschaft, erklären ließe. Aber egal. In den MEW findet sich das Zitat nicht; was die Presse aber nicht davon abhält, es zu den passendsten Gelegenheiten abzudrucken. Auf der Favoritenliste weit oben ein Newsportal, das damit fleißige, leistungsbereite Studierende anfeuern will: »Bevor du also vom Onanieren und Philosophieren blind wirst, begib dich in die reale Welt und pack deine Abschlussarbeit und all die Prüfungen beim Schopf.« Oder, wie der E-Mail-Philosoph vom Anfang schon sagte: »Leistung Macht. Spaß?«

Vorzeitig

Dieser Text kommt hier schon – ans Ende. Man kann das für zu früh halten.

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