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Der Erdtrabant als Sehnsuchtsziel

Die Münchener ERES-Stiftung sammelt die Spuren ein, die der Weltraum-Hype in der Kulturgeschichte hinterlassen hat

  • Von Georg Leisten
  • Lesedauer: 4 Min.

Manche Dinge lernt man erst zu schätzen, wenn sie einem genommen werden. Etwa den festen Boden unter den Füßen. Normalerweise findet das, was uns tagein, tagaus durchs Leben trägt, keine Beachtung. Aber wehe, die Erde samt der von ihr ausgehenden Anziehungskraft ist plötzlich ganz weit weg! Ohne Halt würden wir durch den leeren Raum schwimmen und irgendwohin treiben, wo wir nicht hin wollen. Gewöhnlich kennen dieses Gefühl nur Astronauten. Der Medienkünstler Peter Kogler vermittelt nun auch uns, die einem irdischen Beruf nachgehen, einen Hauch von Schwerelosigkeit. Wände, Böden und Decken der Münchener ERES-Stiftung hat der Österreicher mit einem auf Spiegelfolie gedruckten Wellenraster überzogen.

Da der menschliche Orientierungssinn an gerade Linien und rechte Winkel gewöhnt ist, reichen ein paar krumme Gitter schon aus, um ins Schwanken zu geraten und sich zu fühlen wie auf der Raumstation. »Zero Gravity« heißt die Schau zum 50. Jahrestag der Mondladung, für die Kogler nicht nur den umfassendsten Beitrag liefert, sondern auch die kuratorische Mitverantwortung übernommen hat. Das Konzept ist interessant: Mit künstlerischen Arbeiten, aber auch mit dokumentarischem Material rekonstruiert die Ausstellung den Weltraum-Hype, den die Apollo-11-Mission ausgelöst hat. Nicht zuletzt in der Kulturgeschichte finden sich die Abdrücke von Neil Armstrongs großem Menschheitsschritt.

Doch schon lange, bevor John F. Kennedy seinen Landsleuten Anfang der 60er Jahre versprach, bis zum Ende der Dekade Amerikaner auf den Mond zu schießen, galt der Erdtrabant als Sehnsuchtsziel. Literarisch wurde die Eroberung des Weltalls bereits viel früher vorweggenommen. Man hätte hier natürlich Jules Verne nennen können, den Münchnern schien aber der deutsche Science-Fiction-Pionier Paul Scheerbart (1863-1915) passender. Denn Scheerbarts phantastischen Romanen verdankt gerade die futuristische Architektur wichtige Anregungen. Vom Glashaus des Avantgardeträumers Bruno Taut (der Scheerbart kannte) ist es nicht mehr weit bis zu den »Geodätischen Kuppeln« von Richard Buckminster Fuller. Die Ausstellung präsentiert einige Originalentwürfe des US-Amerikaners, auf den auch die Redewendung vom »Raumschiff Erde« zurückgeht. Seine Leichtbau-Utopien in Form sphärischer Gitterschalen inspirierten nicht nur das »Biosphere 2«-Experiment in Arizona, das die Möglichkeit eines autarken Ökosystems erproben wollte. Auch aus Science-Fiction-Filmen sind menschliche Siedlungen unter Riesenkuppeln à la Fuller nicht mehr wegzudenken.

Denn Zukunftstechnologien und Astrophysik, das belegt die Schau eindrücklich, haben meistens auf dem Umweg über die Popkultur ihren Weg ins allgemeine Bildgedächtnis gefunden. Produktdesign, Kino und Kunst hatten an dieser Entwicklung ebenso ihren Anteil wie die Musik. Auf den Ausstellungsbesucher wartet eine kleine Audiothek, aus der man sich etwa David Bowies frühe Kult-Alben »Space Oddity« oder »Ziggy Stardust« auswählen und von der Aufsicht auflegen lassen kann. Oder den alten Rolling-Stones-Hit »2000 Light years from Home«.

Nicht zufällig präsentieren die Münchner ihre Sammlung alter Vinylschallplatten auf einem Aluminiumregal nach Entwürfen von Dieter Rams. Dank Apollo 11 entstand im Designstil der 60er Jahre eine Space-Ästhetik, deren wichtigstes Material keimfrei blitzende Metalle sind. Spielerisch reagierte auch Andy Warhol, der Titan der Pop Art, auf diesen Trend, indem er jene heliumgefüllten Silberkissen ersann, deren spiegelblanke Repliken in der ERES-Stiftung umherfliegen.

Doch war die Expansion der Menschheit ins Weltall wirklich ein rundum positiver Schritt? Viele vergessen das nationalistische Prestigedenken dahinter. Zu den wenigen, die den galaktischen Optimismus distanziert betrachteten, gehört ein anderer Vertreter der Pop Art, Robert Rauschenberg. Sein Zyklus »Stoned moon series« jedenfalls schließt sich der Heroisierung der Weltraumfliegerei nicht an. Eine Lithografie Rauschenbergs verflacht beispielsweise einen Astronauten zur gespensterartigen Silhouette. Tatsächlich war die glanzvoll gefeierte Apollo-11-Mission die Wiedergängerin einer finsteren Zeit. Das Projekt stützte sich zu wesentlichen Teilen auf das Know-how von Hitlers Raketenbauer Wernher von Braun.

Auf diese Beziehung wird in München zwar hingewiesen, allzu kritische Perspektiven einnehmen wollten die Kuratoren aber offenbar nicht. Lieber inszenieren sie die Hinterlassenschaften der diversen amerikanischen Weltraum-Vorstöße wie christliche Reliquien. So bekommt das Fragment eines Hitzeschuldschilds fast schon den Stellenwert eines Splitters vom Kreuze Christi. Dazu gibt es eine Kostprobe von nicht mehr sehr appetitlicher Astronautennahrung und als Höhepunkt eine Nachbildung des Raumanzugs von Neil Armstrong.

Apropos Mann im Mond: Auch Gender-Aspekte spielen eine Rolle, aber ebenfalls eher am Rande. Auf einem Bild von Starfotografin Annie Leibovitz ist Eileen Collins zu sehen, die erste Frau, die als Kommandantin ein Space-Shuttle steuern durfte. Dagegen haben die Russen es zwar nie bis auf den Mond geschafft, waren in puncto Geschlechterparität aber trotzdem weiter als die Amerikaner. 1963 bereits entsendeten sie mit Valentina Tereschkowa die erste Frau ins All.

»Zero Gravity. Apollo 11 and the new notion of space«, bis 30. November, ERES-Stiftung, Römerstraße 15, München

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