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Mehr als Overtourism

Immer mehr Städte werden zum Ziel von Touristen. Das belastet nicht nur die Einwohner, sondern auch das Klima

  • Von Roberto J. De Lapuente
  • Lesedauer: 4 Min.

Jeder Tourist, der auf die Malediven kommt, benötigt im Durchschnitt 500 Liter Wasser – am Tag. Nebenher hinterlässt er etwa 3,5 Kilogramm Abfall. Das summiert sich auf 330 Tonnen Abfall täglich. Und die kommen auf die künstlich angelegte Müllinsel Thilafushi. Dort verbrennt oder verbuddelt man die nicht-organischen Rückstände. Was überirdisch bleibt, presst und verdichtet man so gut es geht. Die Insel wächst dennoch jeden Tag um circa einen Quadratmeter. Mit der Zeit gelangten Giftstoffe ins Meer. Der Tourismus kommt der Inselgruppe also teuer zu stehen.

In den Fjorden Norwegens beklagen sich die Anwohner, dass der Tourismus sie erdrücke. Einheimische schlagen daher tourismusfreie Wochentage vor. Wenn in manchen Dörfchen, die gerade mal 200 Einwohner zählen, täglich Zehntausende bei Landgang die Gassen fluten, kann das nicht gut sein für Mensch und Umwelt. In Bergen, dem größten Hafen an der norwegischen Küste, beklagen sich Händler und Gastronomen, weil sie nichts vom Massenandrang haben. Die »Kreuzfahrer« würden alle an Bord All-Inclusive versorgt, sie kämen satt vom Schiff und kauften bestenfalls ein bisschen Dosenfisch, lassen im Gegenzug allerdings einen erhöhten Wasserverbrauch und Emissionen liegen – letztere verursacht durch die schiffbaren Kolosse, die ihren Dreck in die Luft blasen.

Nicht nur im Norden Europas beklagt man diese Entwicklung einfallender Touristenhorden, die am Ende nicht mal Geld dalassen. Auf Teneriffa sieht es zum Beispiel nicht viel anders aus. Immer mehr Besucher der Kanareninsel buchen All-Inclusive-Angebote, so müssen sie sich nicht mit Getränken und Speisen »beim Spanier« versorgen. Ausflüge buchen sie im Regelfall auch über die großen Reiseveranstalter, die kleinen Guides vor Ort bleiben ohne Aufträge. Am Hafen der Inselhauptstadt Santa Cruz legen Kreuzfahrtschiffe an. Früher war es üblich, dass die Taxifahrer dort auf Kundschaft warteten, die die Insel gegen eine Pauschale erkunden wollte. Heute stellen die Reiseveranstalter selbst Busse bereit, Inselrundfahrten sind im Reisepreis inkludiert. Die heimischen Taxifahrer gehen leer aus.

Überlaufen sind übrigens nicht nur Örtchen am Ende des Fjordes, sondern auch all jene Städte, die heute als chic für einen Wochenendtrip gelten. Ob nun Amsterdam, Paris, London, Lissabon, Berlin oder Frankfurt: Diese und weitere Städte sind voller Besucher. Zwar bringen die im Regelfall Geld mit, aber sie verstopfen den Nahverkehr und belasten die städtische Infrastruktur drastisch. Amsterdam hat mittlerweile reagiert, neben einer Besuchersteuer von sieben Prozent des Übernachtungspreises müssen Touristen auch noch drei Euro pro Nacht entrichten. Außerdem dürfen keine neuen Hotels gebaut und Wohnungen nur noch beschränkt an Touristen vermietet werden.

Lissabon wird momentan als neues Trendziel gehandelt und schon stark frequentiert. Nachtflugverbote gibt es dort nicht - und so steuern auch nachts Touristenmaschinen die Stadt an. Die Kapazität von etwa 30 Flugzeugen pro Nacht, soll künftig sogar noch erhöht werden. Am Hafen Lissabons entstand vor einigen Jahren ein Kreuzfahrt-Terminal. Umweltschützer vor Ort haben erhöhte Luftverschmutzung festgestellt. Der Lärmpegel dringe überdies bis tief in die Altstadt hinein.

Dieses Phänomen von absolut überlaufenen touristischen Zielen nennt man mittlerweile Overtourism. Barcelona empfing vor einigen Jahren fast acht Millionen jährliche Besucher. Dass das nicht verträglich für das städtische Gleichgewicht sein kann, liegt auf der Hand. In Paris beklagt man momentan Touristenbusse. Die Stadt ist einfach zu voll. Over and over and Overtourism …

Hallstatt in Österreich, ein Dorf mit 780 Einwohnern, ergeht es da ähnlich. Es wird von Chinesen überrannt. Für die Gäste aus Fernost ist Hallstatt eine Postkartenkulisse, die man gesehen haben muss. Die Verantwortlichen der Stadt sind hochzufrieden, 150.000 Übernachtungen machen den Ort wohlhabend. Die Anwohner sehen es anders. Sie beklagen übergriffige Gäste, die plötzlich im privaten Garten oder Wohnzimmer stehen. Außerdem würden sie kaum die örtlichen Läden aufsuchen. Einzig das Toilettenhäuschen mache Geschäft. Man sollte darüber nachdenken, regen sie an, Touristenströme besser zu lenken und auch mal freie Tage einzubauen. Luftholen als Vorschlag: Das hört man fast überall, wo der Tourismus aus dem Ruder gerät.

Kurz und gut, man kann sich eigentlich den modernen Massentourismus gar nicht mehr leisten. Er verschmutzt die Umwelt, raubt Ressourcen, bringt den örtlichen Bevölkerungen kaum etwas ein und verursacht im Gegenteil, bei ihnen sogar noch ein Gefühl fallender Lebensqualität, das durch volle Straßen und Stress zustande kommt. Man kann den Tourismus freilich nicht verbieten, es ist ja auch viel zu schön andere Plätze zu erkunden. Aber reglementieren und steuern, eben auch mit Steuern und Abgaben, muss man ihn dringend. Denn wenn er so unkontrolliert bleibt, ist er eine Lose-Lose-Situation, dann gibt es nur Verlierer.

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