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Kippen, Dosen, Plastikmüll

An der Spree werden Kajaks kostenlos verliehen - wenn im Gegenzug Müll gesammelt wird

  • Von Vanessa Fischer
  • Lesedauer: 4 Min.

Ein bisschen wackelig fühlt es sich noch an. Dass es »eher unwahrscheinlich« ist, umzukippen, beruhigt da nur wenig. Die letzten In-struktionen: »Paddel schulterbreit festhalten, mit dem Oberkörper nicht zu weit nach rechts oder links beugen« - dann geht es auch schon los. Mit Eimer und Greifzange bewaffnet gleitet das quietschgrüne 2er-Kajak geräuschlos über das trübe Wasser.

Wer auf der Spree paddeln will, kann das seit diesem Sommer auch, ohne etwas dafür zu bezahlen. Die Nichtregierungsorganisation (NGO) »GreenKayak« verleiht die Boote kostenlos - unter der Bedingung, dass Freiwillige während ihrer Tour Plastikmüll aus dem Gewässer fischen und ihre Erfahrung unter dem Hashtag greenkayak in den sozialen Medien teilen.

Die Idee stammt von dem Dänen Tobias Weber-Andersen, der die erste Kajak-Station 2017 in Kopenhagen eröffnete. Seitdem haben Freiwillige die Flüsse und Seen in Dänemark von über 15 Tonnen Müll befreit, heißt es auf der Internetseite der NGO. Inzwischen gibt es auch in Irland und in Norwegen Bootshäuser. Die erste deutsche Station eröffnete im März in Hamburg. Berlin folgte im Juni. Kein Wunder: Mit über 3330 Kilometern Flüssen, Seen und Kanälen, ist die Stadt eine der wasserreichsten Deutschlands. Insgesamt 6,7 Prozent des Stadtgebietes sind von Wasser bedeckt. Der Müll, der in der Spree schwimmt, gelangt irgendwann auch in die Weltmeere, mit gravierenden Folgen für die globale Flora und Fauna.

Bei vielen jungen Menschen komme das Konzept von »GreenKayak« deshalb tatsächlich gut an, bestätigt Sebastian Bunk, der das Boot beim Verleih von »Backstage Tourism« an der Nalepastraße im Bezirk Treptow-Köpenick herausgibt. »Die letzten Tage waren wir immer komplett ausgebucht«, sagt er, während sein Blick über die Spree schweift, die aus dieser Perspektive gar nicht so dreckig aussieht. Die Idee des jungen Dänen findet er jedenfalls super: »Ziemlich idealistisch, aber auch ziemlich cool.« Gerade schlage man sich in Berlin allerdings noch mit ein paar kleinen Kinderkrankheiten herum, so Bunk. Etwa dass er und seine Kollegen in Berlin noch keinen Zugriff auf das Online-Buchungssystem haben. »Das kann schon heikel werden. Wenn ich mit einer Schulklasse für eine geführte Tour draußen auf dem Wasser bin, und dann kommt plötzlich jemand, von dem wir gar nichts wissen«, erklärt er. Bisher habe aber immer alles geklappt. Und auch die kleinen Startschwierigkeiten werde man in Zukunft sicher lösen, zeigt Bunk sich optimistisch. Vielleicht könne man dann in der nächsten Saison an dieser Station sogar zwei oder noch mehr der grünen kostenfreien Kajaks anbieten.

Genug Müll dafür gäbe es in der Spree jedenfalls: »In Berlin sind regelmäßig vier Reinigungsschiffe im Einsatz«, erklärt ein Sprecher der Umweltsenatsverwaltung dem »nd«. Dabei werden jährlich etwa 460 Kubikmeter Abfälle eingesammelt und fachgerecht entsorgt, so der Sprecher weiter. Zusätzlich würden Mitarbeiter*innen die Ufer auch von der Landseite aus reinigen. Berlin entstehen so für die Ufer- und Gewässerreinigung allein an den schiffbaren Gewässern jährlich Kosten in Höhe von etwa zwei Millionen Euro. Dass selbst diese Summe nicht ausreicht, um den gesamten Unrat aus der Spree zu fischen, wird schon nach wenigen Minuten auf dem Wasser deutlich. Etwas flussabwärts nach Süden schwimmen die ersten Plastikflaschen auf der Wasseroberfläche. Vor allem an den Uferrändern sammeln sie sich aufgrund der Strömung und verfangen sich im Gebüsch. Kajaks eignen sich deshalb besonders gut zum Müllfischen. Mit den kleinen, wendigen Booten kann man nah heranfahren und den Dreck mit den Greifzangen herausfischen. Leere Plastikflaschen, Verpackungen, Zigarettenkippen - nach nur etwa einer Stunde ist der riesige Eimer fast voll.

Mit etwas durchnässter Kleidung, schweren Armen, aber einem guten Gefühl geht es zurück zur Station. Als einziger Wermutstropfen bleibt die Tatsache, dass die Kajaks von einem dänischen Brauerei-Giganten gesponsert werden. Wer keine Lust auf das Greenwashing des Brauereikonzerns hat, kann auch an der mehrmals jährlich stattfindenden Clean-up-Regatta teilnehmen. Seit fünf Jahren veranstaltet der Bootsverleih Ahoi diese in der Rummelsburger Bucht, das nächste Mal am 3. September.

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