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Ich bin nur mal kurz weg

Schalke-Chef Clemens Tönnies nimmt sich eine dreimonatige Auszeit und sorgt nicht nur bei den Fans für Verärgerung

  • Von Daniel Theweleit, Gelsenkirchen
  • Lesedauer: 3 Min.

In der Öffentlichkeit ist die intensive Debatte um die rassistischen Äußerungen des Unternehmers Clemens Tönnies ziemlich außer Kontrolle geraten, Menschen aus der Fußballwelt haben sich ebenso geäußert wie Politiker, unterschiedliche Organisationen und Freunde des FC Schalke 04. Im Klub hingegen ist fast alles wie immer. Der große Patron aus dem Chefsessel des Aufsichtsrates hat die Fäden auch im Auge des Sturms fest in der Hand behalten. Zwar hat der so genannte Ehrenrat des Vereins am Dienstagabend ein Gespräch mit Tönnies über mögliche Konsequenzen nach seinen umstrittenen Aussagen geführt, die bis zu einer Absetzung hätten führen können. Über das Strafmaß hat er aber offenbar selbst entschieden.

Nach einer angeblich vierstündigen Sitzung des für ethische Fragen zuständigen Ehrenrates verkündete der Verein, Tönnies habe »erklärt, sein Amt als Mitglied des Aufsichtsrats und dessen Vorsitz für einen Zeitraum von drei Monaten ruhen zu lassen«. Das Gremium ist zur Ansicht gelangt, »dass der erhobene Vorwurf des Rassismus unbegründet« sei, heißt es in der Verlautbarung. Der mächtigste Mann beim Fußballbundesligisten habe lediglich »gegen das in der Vereinssatzung und im Leitbild verankerte Diskriminierungsverbot verstoßen«. Das ist eine recht eigenwillige Form des Umgangs mit Aussagen, die sich eher nicht mit dieser Art von PR-Sätzen und ohne schlüssige Begründung aus einem rassistischen Kontext herauslösen lassen. Der Unternehmer hatte vorgeschlagen, den Klimawandel mit der Finanzierung von 20 Kraftwerken in Afrika zu bekämpfen und erklärt: »Dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn’s dunkel ist, Kinder zu produzieren.« Der Ehrenrat, in dem drei Juristen, ein Steuerberater und ein Pfarrer sitzen, findet diese Worte »nur« diskriminierend.

Mit diesem Vorgang riskiert der FC Schalke eine nachhaltige Beschädigung des alten Selbstbildes als Verein, der sich von vielen Konkurrenten dadurch abhob, dass er sich besonders klar und unzweifelhaft gegen jede Form der Diskriminierung stellte. Dieses Image wird nun zugunsten von Tönnies geopfert. Der im Umfeld des Vereins recht bekannte Blogger Hassan Talib Hadji twitterte: »Herzlichen Glückwunsch. Die Macht von Clemens Tönnies in unserem Verein ist somit größer und stärker als die fundamentalen Grundwerte unseres FC Schalke 04. Der Ehrenrat des S04 hat hier eine elementare und abgrundtief falsche Entscheidung getroffen.«

Diesen Eindruck hat auch Dagmar Freitag, die Vorsitzende des Sportausschusses des deutschen Bundestages. »Wenn ich einen ganzen Kontinent und seine Bevölkerung letztlich in eine Ecke stelle, dann erfüllt das für mich schon eher den Tatbestand des Rassismus als nur den der Diskriminierung«, kritisierte die SPD-Politikerin bei »NDR Info«, sprach von einem »Tabubruch ohne Skrupel« und forderte eine »klare Haltung« vom Deutschen Fußball-Bund, dessen eigener Ethikrat am 15. August ebenfalls zu der Causa tagt. Denn Schalke 04 scheint nicht über die innere Kraft zu verfügen, Tönnies glaubhaft kritisch gegenüberzutreten

Widerstand regt sich lediglich unter den Fans. So hat die Schalker Fan-Initiative, die sich seit Jahrzehnten gegen Rassismus und Diskriminierung aller Art engagiert, Proteste angekündigt. Die »aktion ./. arbeitsunrecht« will am 13. September im Rahmen einer großen Kundgebung in Rheda-Wiedenbrück Gewerkschafter, Bürgerrechtler, Umwelt- und Tierrechtsaktivisten aus ganz Deutschland mit aktiven Fußballfans zusammenbringen, um auf die Schattenseiten des Wirkens von Clemens Tönnies hinzuweisen. Die Vorwürfe reichen von zweifelhaften Bedingungen in den Schweinemastbetrieben des Unternehmers über die Ausbeutung von Arbeitern bis hin zum Verdacht, Tönnies’ Wirken im Klub gehöre zu den Gründen für die zuverlässig wiederkehrenden Krisenphasen bei Schalke 04. Und weil Tönnies im Alltag schon lange nicht nur Aufsichtsrat ist, sondern Strippenzieher hinter ganz vielen Vorgängen im Klub, wird sein Einfluss während seiner selbst verordneten Zwangspause womöglich überhaupt nicht kleiner werden. Kommentar Seite 10

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