Heiße Debatte um Sprache und Förderung

Streit um Forderung nach späterer Einschulung bei Deutsch-Defiziten

Der Vorschlag des CDU-Politikers Carsten Linnemann, eine erweitere Vorschulpflicht einzuführen und Kinder bei fehlenden Deutschkenntnissen »notfalls« später einzuschulen, hat eine bundesweite Debatte ausgelöst. Allerdings basieren Linnemanns Forderungen auf einer falschen Zahl, wie »tagesschau.de« am Mittwoch berichtete. Der Unionsfraktionsvize hatte behauptet, es müssten »alle Alarmglocken schrillen, wenn bei Sprachtests wie in Duisburg mehr als 16 Prozent der künftigen Erstklässler gar kein Deutsch könnten«. Der WDR überprüfte die Zahl und kam zu dem Ergebnis, dass sie sich nicht auf die Gesamtzahl der künftigen Erstklässler bezieht, sondern auf die Kinder, die nicht Deutsch als Erstsprache haben. In Duisburg ist das die Hälfte. Demnach lag der Anteil 2017 der Erstklässler mit unzureichenden Deutschkenntnissen in der Stadt lediglich bei acht Prozent.

Auch am Mittwoch äußerten Politiker und Fachleute deutliche Kritik an Linnemanns Forderung. Andere unterstützten sie. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) wies sie zurück. »Der Kontext des Zitats rund um das Drama von Frankfurt lässt dieses höchst populistisch erscheinen«, sagte GEW-Vorstandsmitglied Ilka Hoffmann dem Portal »watson.de«. Laut Hoffmann ist nicht ein Mangel an Deutschkenntnissen das Problem, sondern ein Mangel an adäquat ausgebildeten Lehrkräften.

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, unterstützte Linnemann dagegen erneut. Eine Rückstellung mache in bestimmten Fällen Sinn, wenn in dieser Zeit eine entsprechende Sprachförderung erfolge. CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak forderte am Dienstagabend »gezielte Sprachförderung im Kindergarten, überall verbindliche Sprachtests vor der Einschulung« sowie bei Defiziten »verpflichtende Förderung und schulbegleitende Sprachprogramme«. Nicht nur ausländische Kinder hätten Sprachprobleme. Ohne deutsche Sprache gebe es keine Chance auf gute Bildung. »Grundschullehrer lassen wir aber häufig alleine mit dieser Arbeit. Das ist schlecht für alle Kinder - mit oder ohne Sprachdefizite.«

Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD) wies die Vorschläge von Linnemann am Mittwoch im ARD-»Morgenmagazin« zurück. Er glaube, »alle 16 Kultusminister« seien »entsetzt«. Gleichwohl müsse mehr für die Sprachförderung getan werden. Die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli (SPD) wies im RBB-Inforadio darauf hin, dass es in der Hauptstadt bereits Sprachtests für Kinder gibt, die keine Kita besuchen. Bestünden sie diesen nicht, gebe es Sprachförderung. nd/Agenturen

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