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US-Waffenlobby

»Aus kalten, toten Händen«

Die Macht der US-Waffenlobby stützt sich nicht nur auf Geld.

Von Loren Balhorn

Amokläufe und Massenerschießungen sind im Land der unbegrenzten Freiheit inzwischen normal. So zynisch das klingt: Solange man nicht selbst betroffen ist, findet man kaum noch Energie, sich berührt zu zeigen. Als 1999 zwei Teenager an der Columbine High School in Littleton (Colorado) zwölf Mitschüler und eine Lehrerin töteten, war das noch anders. Das Land diskutierte: Hatten sie Videospiele zum Töten verleitet? Die Songs ihrer Lieblingsmusiker - neben Marilyn Manson die Hamburger Rockband KMFDM?

Seitdem haben Tausende Schulen und Unis in den USA bewaffnete Polizeiwachen installiert. Doch auch das hinderte Nikolas Kruz nicht daran, im vergangenen Jahr 17 Menschen an der Stoneman Douglas High School in Parkland (Florida) zu erschießen. Und als sich 2012 Adam Lanza die Sandy Park Elementary School zur Zielscheibe machte und 20 Schüler tötete, konnte es der Wachmann auch nicht verhindern. Wie auch? Amokläufe sind kaum vorherzusehen.

Schon lange vor Columbine gab es solche Vorfälle, etwa den Amoklauf des Weltkriegsveteranen Harold Unruh, der 1949 in Camden (New Jersey) 13 Menschen auf offener Straße erschoss. Doch häufen sich die Fälle in jüngerer Zeit. Allein in den vergangenen vier Jahren wurden zwölf Schießereien mit je mehr als vier Todesopfern registriert, wenn auch nicht alle davon als Amok oder Terror einzustufen sind.

Die Debatte über all das hat sich seit Columbine verändert - immerhin etwas. Es gibt zwar noch immer Versuche, die Diskussion auf absurde Nebenschauplätze umzuleiten, zuletzt etwa auf die angebliche Rolle alleinerziehender Mütter. Konservative beklagen noch immer gern den allgemeinen Werteverfall und versprechen, die Opfer in ihre »Gedanken und Gebete« aufzunehmen. Doch Betroffene und große Teile der liberalen Zivilgesellschaft fordern als Konsequenz vor allem eine Reform des Waffenrechts - und nennen die Millionen an Spendengeldern, die Republikaner von der Waffenlobby nehmen, als Ursache des politischen Stillstands.

Dabei konzentriert sich die Kritik auf die »National Rifle Association« (NRA), obwohl auch der eigentliche Waffenindustrieverband, die 1961 gegründete »National Shooting Sports Association« (NSSF), in jüngeren Jahren eine wachsende politische Rolle spielt. Doch ist die seit 1871 bestehende NRA - nicht nur Lobbygruppe, sondern mit fünf Millionen Beitragszahlenden und weiteren zehn Millionen Unterstützern eine der größten gesellschaftlichen Organisationen der USA - tatsächlich eine nicht zu unterschätzende Macht. Als ihr Vorsitzender rief der verstorbene Schauspieler Charlton Heston einst vor jubelnden Fans aus, die Regierung müsse seine Schusswaffen schon seinen »kalten, toten Händen« entreißen.

Doch der Einfluss der NRA misst sich weniger in Geld, als viele glauben. Im Jahr 2016 gab der Verband 55 Millionen Dollar für den Wahlkampf aus - wenig im Vergleich zu den 6,5 Milliarden, die insgesamt flossen. Die Spenden allein sind nicht ausschlaggebend für den Einfluss der Organisation - sondern eher die tiefe Verankerung der Waffenkultur in der Gesellschaft.

Die Selbstverständlichkeit von Schusswaffen ist seit dem 17. Jahrhundert Tradition, als manche der damaligen Kolonien ihren - weißen - Einwohnern das sogar vorschrieben. Heute haben zwar »nur« 30 Prozent der Amerikaner selbst Waffen im Haus , aber dafür viele: auf 100 Bürger kommen 120 Schusswaffen. Viele von diesen Waffenbesitzern sind tatsächlich harmlose Jäger. Andere spielen am Wochenende Lokalmiliz und horten Sturmgewehre, weil sie Angst vor einer linken Multikulti-Machtergreifung haben - und manche liegen irgendwo dazwischen. Diese Leute vereint die starke Identifikation mit dem Recht auf Waffen, das seit 1791 im 2. Zusatz der 1787 verabschiedeten Verfassung verankert ist - ein Unikum auf der Welt.

Das sind starke historische Fundamente, auf die sich bauen lässt. Zumal die NRA für viele nicht als bärbeißige Waffennarren erlebbar sind, sondern als freundlich und fürsorglich. »Sicherheitsschulungen«, bei denen Erwachsene und Kinder den Umgang mit Schusswaffen lernen, bringen jährlich etwa eine Millionen US-Amerikaner mit der NRA in Kontakt - und sind lokale Ereignisse, die durchaus als friedvoll und angenehm erlebt werden. Auf dem Land, wo man von Kindesbeinen an den Kontakt mit Waffen gewohnt ist, finden die Rufe der Städter und Vorstädter nach Restriktionen wenig Anklang.

Dass die Notwendigkeit eines vernünftigen Waffengesetzes in den USA sich so schwer in entsprechende Gesetzgebung umsetzen lässt, hat auch einen Grund im Wahlsystem. Zwar können auch die Bundesstaaten Details regeln, etwa das offene oder verdeckte Tragen. Doch müsste eine grundsätzliche Weichenstellung auf der Bundesebene getroffen werden - und im Senat haben die ländlichen Staaten aufgrund des Wahlrechts einen überproportionalen Einfluss. So bietet die Verteidigung des 2. Zusatzartikels derart viel Mobilisierungspotenzial für die Republikaner, dass die Demokraten traditionell vor einer grundsätzlichen Lösung zurückschrecken.

Die furchtbaren Szenen, die nun El Paso und Dayton betrafen und die sich absehbar recht bald anderswo ereignen werden, sind nur die Spitze eines Eisbergs. Auch ohne solche Massenerschießungen sterben in den USA täglich rund 100 Menschen durch Schusswaffen. Diese Gewaltkrise ist nur eine von vielen, die die US-Gesellschaft heute plagt. Und solange der politische Ausdruck dieser Krisen Donald Trump heißt, sind Schritte zu einer wirklichen Lösung nahezu ausgeschlossen.