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Stadtflucht als Gruppenprojekt

Eine Studie empfiehlt dörflichen Kommunen, die Landlust urbaner Kreativer zu fördern

  • Von Jana Frielinghaus
  • Lesedauer: 3 Min.

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Aufs Land ziehen muss man nicht allein: Im Projekt »Hof Prädikow« haben sich mehr als 40 Berliner zusammengeschlossen.
Aufs Land ziehen muss man nicht allein: Im Projekt »Hof Prädikow« haben sich mehr als 40 Berliner zusammengeschlossen.

Philipp Hentschel wirkt nicht wie einer, der Rosinen im Kopf hat. Der 36-Jährige ist ein bodenständiger Typ und einer der Initiatoren des Projektes »Hof Prädikow« nordöstlich der Hauptstadt, in dem mehr als 40 Berliner ihre Vorstellungen vom modernen Landleben verwirklichen wollen. Dörfliche Ruhe, Seen und Wälder möchten sie mit gemeinsamem Wohnen und Arbeiten verbinden und obendrein kulturelle Bedürfnisse befriedigen.

Hentschels Projekt ist eines von 18, die das Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung sowie der Thinktank Neuland21 sich näher angeschaut haben. In ihrer am Montag vorgestellten Studie »Urbane Dörfer« haben sie versucht, die Frage zu beantworten, »wie digitales Arbeiten Städter aufs Land bringen kann«.

Hentschel ist einer von jenen Großstädtern, die nach Ansicht der Autoren der Untersuchung Dörfern neues Leben einhauchen können. Und die dabei von Kommunal-, Landes- und Bundespolitik nach Kräften unterstützt werden sollten, gerade in Ostdeutschland. Denn dort wird nach der ersten großen Abwanderungswelle in den 90er Jahren ein weiterer deutlicher Bevölkerungsrückgang vor allem im ländlichen Raum erwartet.

Das Objekt, dessen Wieder- und Neuaufbau die von Hentschel mitgegründete Genossenschaft Selbstbau eG betreibt, ist ein ehemaliger Gutshof. Wohngebäude, eine ehemalige Brennerei, Schmiede, Ställe, Scheunen. Wunderschön anzusehen von weitem, sagt Hentschel. »Und wenn man näher kommt, sieht man, dass vieles zerfällt.« Die gemeinnützige Bürgerstiftung trias hat das Anwesen Ende 2016 gekauft, die Selbstbau eG nutzt es in Erbpacht. Die Baumaßnahmen sollen durch Einlagen der Mitglieder wie auch des Vereins Hof Prädikow und durch künftige Mieteinnahmen (re)finanziert werden. Hentschel ist selbstständiger Manager für Digitalprojekte. Seine Freundin, erzählt er, sei Programmiererin, wolle aber künftig als Tischlerin arbeiten. Denn auch ein Berliner Tischler will mit seiner Werkstatt nach Prädikow umziehen.

Hentschel, der aus Strausberg im Osten Berlins stammt, betont, man wolle »kein urbanes UFO auf dem Land sein«. Die Genossenschaftsmitglieder sind zwischen 29 und 60 Jahren alt, viele haben Kinder. In Prädikow sei die Initiative »mit offenen Armen« empfangen worden. Es gebe regen Austausch zwischen Neubürgern und Alteingesessenen. Laut Projektwebsite soll auf dem Hof »digitale Arbeitskultur und vielfältiger sozialer Austausch« einhergehen »mit der Nähe zu Natur und handwerklicher Arbeit«. Vom »Coworking-Space zur Schreinerei, vom Startup zur Goldschmiede, vom Fab-Lab zu Seminarräumen« - über Künstlerateliers und Übernachtungsmöglichkeiten soll auf dem Hof alles zu finden sein.

Nicht überall funktioniert das Miteinander so gut wie von Hentschel geschildert. Das räumte Neuland-21-Gründerin Silvia Hennig, eine der Autorinnen der Studie, ein. Zugleich betont sie, die neuen Stadtflüchter seien meist deutlich pragmatischer als etwa Landkommunen früherer Generationen. Es gebe weniger »Parallelgesellschaften«. Zugleich verdeutlichen Hennigs Darlegungen, dass es hauptsächlich Vertreter der gut ausgebildeten urbanen Mittelschicht sind, die Wohn- und Arbeitsgemeinschaften bilden.

Für viele Dörfer seien solche Projekte eine große Chance, betont Manuel Slupina vom Berlin-Institut, ebenfalls einer der Autoren. Denn die Initiatoren seien meist daran interessiert, große und verfallende Gebäudeensembles zu sanieren. So komme wieder Leben in ehemalige Berufsschulen, Fabriken, Kirchen.

Die Autoren der Studie empfehlen Landgemeinden, offensiv mit leerstehenden Immobilien zu werben. Landkreise sollten neue Geschäftsideen stärker fördern, Bund und Länder »entlegene Landstriche endlich digitalisieren« und bürokratische Hürden abbauen.

Aus der Studie geht gleichwohl auch hervor, dass sich die Stadtflüchter überwiegend in den Randzonen der Metropolen ansiedeln. Die »Schmerzgrenze« liege bei eineinhalb Stunden Autofahrt nach Berlin oder in eine andere Stadt. Die Nabelschnur zur urbanen Kultur wird also nicht so leicht gekappt.

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