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Wir müssen auf unsere Kräfte vertrauen

YPJ-Kommandatin Newroz Ahmed über türkische Invasionspläne und den Konflikt in Nordsyrien

  • Von Jan-Lukas Kuhley
  • Lesedauer: 5 Min.

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Newroz Ahmed ist Vorsitzende der syrisch-kurdischen Frauenverteidigungseinheiten (YPJ) und Mitglied des Oberkommandos der Syrisch-Demokratischen Kräfte. Mit der Kommandantin sprach in der nordsyrischen Stadt Qamischli für »nd« Jan-Lukas Kuhley. Der Interviewer kämpfte früher selbst ein halbes Jahr als Freiwilliger für die YPG-Miliz und ist nun als Medienschaffender in der Region aktiv.
Newroz Ahmed ist Vorsitzende der syrisch-kurdischen Frauenverteidigungseinheiten (YPJ) und Mitglied des Oberkommandos der Syrisch-Demokratischen Kräfte. Mit der Kommandantin sprach in der nordsyrischen Stadt Qamischli für »nd« Jan-Lukas Kuhley. Der Interviewer kämpfte früher selbst ein halbes Jahr als Freiwilliger für die YPG-Miliz und ist nun als Medienschaffender in der Region aktiv.

Die Türkei fordert die Einrichtung einer »Sicherheitszone« an der nordsyrischen Grenze. Während Verhandlungen mit den USA droht sie zeitgleich mit einem Einmarsch. Wie groß ist die Gefahr?

Wir wollen zuerst betonen, dass wir keine Absicht haben, den türkischen Staat anzugreifen. Von unserem Gebiet aus gab es weder Angriffe auf die Türkei, noch Versuche, ihre Politik zu untergraben. Das weiß auch Ankara. Dennoch akzeptiert der türkische Staat die Präsenz der YPG und YPJ nicht an seinen Grenzen. In jüngster Zeit haben sich seine Bedrohungen noch verschärft. Klar ist: Im Falle eines Angriffs wären nicht nur die Kurden, sondern alle lokalen Völker in ernsthafter Gefahr.

Was würde bei einem Einmarsch drohen?

Man kann einfach nach Afrin schauen, das im März 2018 von der türkischen Armee und ihren syrischen Verbündeten erobert wurde. Der selbstverwaltete Kanton war zuvor mehrheitlich kurdisch, doch viele Bewohner wurden dann vertrieben und waren gezwungen, ihren Besitz zurückzulassen. Außer den arabischen und salafistischen Muslimen sollte niemand bleiben. Syrisch-arabische Flüchtlinge aus Ghouta, Damaskus oder Idlib sowie einige wenige aus der Türkei siedelte man zusätzlich in der Region an. Die Folgen: Willkürliche Entführungen und Plünderungen, Frauen haben keine Rechte mehr, die Hauptsprachen in den Schulen sind Türkisch und Arabisch. Dazu beschlagnahmten die Besatzer auch Öl und Weizen, alles ging in die Türkei. Wenn Ankara in Nordostsyrien einmarschieren würde, drohen die gleichen Verbrechen - oder noch schlimmere. Eine Pufferzone nach türkischer Vorstellung wäre eine Zone der Menschenrechtsverletzungen.

Was wäre die Folge für den Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat?

Es gibt Fortschritte im Kampf gegen den IS, dennoch organisieren sich die Islamisten in vielen unserer Regionen in geheimen Untergrundzellen neu. Wann immer der türkische Staat Drohungen gegen uns ausspricht, verstärken diese Zellen ihre Angriffe. Dazu kommt, dass wir angesichts der Bedrohungslage die sichere Unterbringung der zahlreichen IS-Gefangenen nicht gewährleisten können. Falls Angriffe gegen uns gestartet werden, können wir diese Gefangenen weder schützen noch kontrollieren. Die IS-Anhänger in unseren Camps haben offen gesagt, dass sie planen, zurückzukehren.

Was ist der Diskussionsstand bezüglich der geplanten Pufferzone?

Die Türkei will eine »Schutzzone« einrichten, die von der Grenze 30 Kilometer in das syrische Landesinnere reicht. Sie will verhindern, dass sich die Menschen dort verteidigen können. Vor allem soll dadurch die Autonomie - speziell in den kurdischen Gebieten - vernichtet werden. Das war das Problem der AKP von Anfang an. Wir sind unter bestimmten Bedingungen dennoch offen für die Möglichkeit einer Sicherheitszone, da wir keinen neuen Krieg wollen. Eine türkische Präsenz in dieser Zone ist für uns jedoch nicht akzeptabel.

Die USA haben die Lufthoheit über Nordsyrien und patrouillieren an der Grenze. Könnte die Türkei auch gegen ihren Willen einmarschieren?

Solange die USA es nicht genehmigen, kann die Türkei keinen Schritt unternehmen. Es wäre töricht von Ankara, eigenständig in Nordsyrien einzumarschieren und dabei womöglich gegen einen NATO-Staat zu kämpfen. Auch der Einmarsch in Afrin war erst möglich, als Russland den Luftraum frei machte und es internationale Zustimmung zu dem Angriff gab.

Wie wahrscheinlich ist es also, dass die USA Rojava aufgeben?

Nun, in der Politik ist bei einer bestimmten Gegenleistung alles möglich. Unser Vertrauen wurde schon sehr oft gebrochen. Wir müssen auf unsere eigene Kraft vertrauen.

Was ist das Interesse der USA?

Die USA und die internationale Koalition haben uns im Kampf gegen den IS geholfen. Wahr ist aber auch, dass alle internationalen Kräfte in Syrien nur jemanden unterstützen, wenn sie davon auch profitieren. Die Syrienpolitik der USA richtet sich ganz offen gegen den Einfluss Irans. Daher versuchen sie auch, die Region zu dominieren. Die Situation in Irak ist zudem chaotisch. Wenn die USA Rojava verlassen, bleibt ihnen hier nicht mehr viel. Gleichzeitig versuchen die USA aber auch, die Türkei davon abzuhalten, weiter in die Einflusszone Russlands zu geraten. Daher könnte letztlich ihr strategisches Bündnis mit der Türkei dem Bündnis mit uns überwiegen. Alles ist möglich.

Welche Rolle spielt hier der jüngste Kauf eines russischen Flugabwehrsystems durch die Türkei?

Russland will, dass das Assad-Regime die komplette Kontrolle über das syrische Staatsgebiet zurückerlangt. Zeitgleich strebt es danach, die USA als Ordnungsmacht in der Region zu vertreiben. Im Rahmen dieser Ziele ringt es ebenso wie die USA um Einfluss auf die Türkei. Auch der Verkauf des S-400-Raketensystems ist Teil dieser Politik. Eine mögliche Invasion in Nordsyrien unterstützt Moskau, weil es offenbar glaubt, dass Ankara die eroberten Gebiete oder Teile davon zurückgibt. Dabei würde ein türkischer Angriff auch für das Regime eine Gefahr darstellen. Am Ende würde sich die Türkei einen weiteren Teil syrischen Territoriums einverleiben.

Gab es angesichts der türkischen Kriegsdrohungen erneut Verhandlungen zwischen der Selbstverwaltung und der syrischen Regierung?

Wir hatten einige Treffen mit dem Assad-Regime, aber keine Ergebnisse erzielt. Damaskus will weiter autoritär regieren, als ob es die vergangenen Jahre nicht gegeben hätte. Dazu wirft uns das Regime die Zusammenarbeit mit ausländischen Mächten vor - Assads Politik war es jedoch, die internationale Streitkräfte erst ins Land geholt hatte.

Was braucht es zu einer Beilegung der politischen Krise?

Bezüglich der Pufferzone braucht es eine kurzfristige politische Lösung. Langfristig muss die Zukunft von Rojava wie von ganz Syrien gesichert werden. Wir fordern eine demokratische Verfassung und eine demokratische Regierung, die auch die Autonomie des Nordostens anerkennt. Ein solches Ergebnis würde auch den türkischen Drohungen entgegenwirken. Die Syrer haben genug vom Krieg.

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