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Amoklauf ohne Waffen

Roberto J. De Lapuente : Die US-Demokraten macht es sich zu leicht, Trump die Schuld für El Paso und Dayton zu geben

  • Von Roberto J. De Lapuente
  • Lesedauer: 4 Min.

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Donald Trump: Amoklauf ohne Waffen

Schnell war klar, wer für die beiden Attentate in El Paso und Dayton als Schuldiger in Frage kommt: Präsident Donald Trump. Im ersten Moment einleuchtend, dass Taten des Hasses irgendwie in Verbindung stehen müssen mit jenem Mann, der wie keiner zuvor aus dem Oval Office heraus dem Hass frönt. Ganz abwegig ist es auch nicht, dass an dieser These was dran sein kann. Aber so eindeutig, wie das Demokraten und Teile der demokratischen Presselandschaft sehen, ist es trotzdem nicht.

Schon vor Donald Trump gab es eine ganze Menge ähnlicher Vorfälle. Man könnte sogar sagen, dass die US-amerikanische Geschichte eine Geschichte voller Attentate sei - dem zweiten Zusatzartikel der Verfassung sei Dank. Vor dem Amtsantritt Trumps hat die Öffentlichkeit gerne auf diesen verfassungsrechtlichen Ursprung solcher Aktionen verwiesen. Das Recht, Waffen am Leib zu tragen, so hieß es gemeinhin, sei Ursache dieser Gewalttaten. Nicht etwa ein wütender, rassistischer, sexistischer Politiker.

Auch wenn man natürlich die Ablehnung Trumps und seiner »Werte« nachvollziehen kann: Das demokratische Amerika macht es sich mittlerweile viel zu einfach. Es hat für sich entdeckt, dass der Vorwurf an Trump, alleine für den Niedergang des Landes verantwortlich zu sein, eine Art Abgrenzungsstrategie zu einer Entwicklung ist, die schon weit vor dem aktuellen Präsidenten existierte - und an der die Demokraten mindestens so beteiligt waren wie die Republikaner. Indem man so tut, als sei der US-Präsident das Einfalltor des Bösen in eine vormals gute US-amerikanische Welt, gelingt es offenbar, sich als Gegenentwurf zu ihm zu stilisieren.

Doch Trump ist kein Unfall der Geschichte. Er ist die bittere Konsequenz einer Politik, die sich schon lange von den Menschen im Land verabschiedet hat und die sich in einer arroganten, abgehobenen Parallelgesellschaft über die Interessen der Vielen hinwegsetzte. Sie hat über Jahrzehnte für das Big Business gewirkt und vor allem kleine Leute dabei verprellt - und das parteienübergreifend.

Man kann dem Filmemacher Michael Moore zurecht vorwerfen, dass er polemisiert und teilweise die Wahrheit nach seinen Bedürfnissen konjungiert. Aber den Niedergang seiner Heimatstadt Flint, den er zuletzt in »Fahrenheit 11/9« thematisiert hat, gibt es ja tatsächlich. An ihm waren Administrationen beider Parteien über Jahrzehnte beteiligt. Als Trump die Szenerie betrat, war aus Flint, das nur exemplarisch für andere Städte in den USA steht, schon lange eine moderne Geisterstadt geworden.

Die Demokraten haben die Präsidentschaftswahlen nicht zufällig verloren. Mit Hillary Clinton hatten sie eine Frau ins Rennen geschickt, die im Zirkel der arroganten Macht stand. Sie galt als Symbolfigur einer pervertierten US-Politik, die kein Gefühl mehr für die Bedürfnisse der Bevölkerung aufbringen konnte. Obwohl Moore in jenem Film ein klares Bekenntnis gegen Trump ablegt, weidet er sich genüsslich an der zu Fall gebrachten Arroganz der Demokraten. Er hält die demokratische Partei für mitschuldig an der Entwicklung.

Statt diesen Schlag der verlorenen Wahl mit Demut zur Kenntnis zu nehmen, sich neu aufzustellen und neue Schwerpunkte zu setzen, scheinen die Demokraten zu einer weitaus günstigeren Strategie übergangen zu sein. Man ersetzt das Wort »Teufel« durch das Wort »Trump«. Was schlecht oder falsch läuft, wird mit ihm in Verbindung gebracht. Ganz falsch ist so eine Einschätzung freilich nicht, denn Trump ist nicht dafür bekannt, irgendwas verbessern zu wollen. Sie ist aber auch nicht ganz richtig.

Im aktuellen Fall zweier paralleler Amokläufe lässt sich das gut erkennen. Dass Trumps Auftritte nicht zur Deeskalation beitragen, ist bekannt. Dass er aber verantwortlich dafür sein soll, ist nichts als die demokratische Strategie, Trump hier und jetzt für alles und jeden verantwortlich zu machen. Amokläufe gab es auch unter Obama.

Wenn sich Demokraten und ihre Medien weiterhin auf diese einfache Taktik verlegen, sich als das moralisch überlegene Gegenmodell zum US-Präsidenten zu inszenieren, ohne sich aber inhaltlich gerade in der Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik neu zu positionieren, werden sie auch die nächste Wahl gegen diesen Hasspräsidenten verlieren. Im Grunde stecken die Demokraten auch in einem Amoklauf - nur ohne Waffen.

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