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Mieter sezieren Akelius

Aktivisten haben Dossier über Luxusmodernisierungskonzern erstellt

  • Von Nicolas Šustr
  • Lesedauer: 3 Min.

Ausgerechnet mit Modellen zur Steuervermeidung wurde der Unternehmer Roger Akelius in seinem Heimatland Schweden berühmt. Die Gesamtauflage seiner in dem Land seit den 1970er Jahren herausgegebenen Bücher zum Thema geht in die Hunderttausende.

In Berlin ist das seinen Namen tragende Unternehmen vor allem Mietern bekannt. Das Geschäftsmodell ist die Vermietung luxussanierter Wohnungen zu Spitzenpreisen. Über knapp 14 000 Wohneinheiten verfügte das Unternehmen Ende März, damit ist die deutsche Hauptstadt mit Abstand der wichtigste Standort des weltweit fast ausschließlich in Millionenmetropolen agierenden Immobilienkonzerns.

Die Erlössteigerungen liegen nirgendwo höher als in Berlin. Für 16,12 Euro pro Quadratmeter vermietete Akelius durchschnittlich im ersten Quartal laut Finanzreport des Unternehmens seine Berliner Wohnungen neu, die Durchschnittsmiete auf den Bestand bezogen lag bei 8,85 Euro. Das ist schon eine Erlössteigerung um 82 Prozent. In einem neuen Dossier hat die Vernetzung der Akelius Mieter*innen auf Basis dieser Zahlen, der Quote von bereits 38 Prozent luxusmodernisierten Wohnungen sowie des Leerstands errechnet, dass die Durchschnittsmiete für Altmieter in übernommenen Häusern bei nur 4,40 Euro pro Quadratmeter liegen könnte. Mit der konsequenten Ausnutzung von Lücken in der bundesgesetzlichen Mietpreisbremse kann demnach der Konzern durch die Sanierung die Bestandsmiete also mehr als verdreifachen.

In Berlin verfüge Akelius derzeit über rund 870 Häuser, ergaben die Recherchen der vernetzten Mieterinnen. Begonnen hatte alles 2006. Als in der Hauptstadt der große Ausverkauf lief, erwarb der Konzern zunächst recht wahllos 1400 Wohnungen, meist in den Außenbezirken der Stadt. Auch das Personal war nahe an der Politik. Erster Berliner Geschäftsführer war Jens Nagel, der Sohn des einstigen Bausenators Wolfgang Nagel (SPD). Zu den weiteren vier Mitarbeitern gehörte Matthias Klipp. Das Grünen-Mitglied war von 1990 bis 1996 Baustadtrat in Prenzlauer Berg. 2015 wurde er als Beigeordneter für Stadtentwicklung und Bauen in Potsdam wegen politischer Auseinandersetzungen um seinen privaten Hausbau vom Dienst suspendiert.

Für bis zu 42 Euro pro Quadratmeter hat Akelius in den 12 Monaten von April 2018 bis April 2019 Wohnungen in Berlin angeboten, der Durchschnittspreis liegt bei stolzen 20,39 Euro. Das ergab die Auswertung von 1265 Angeboten in dem Zeitraum durch die Mieter. Die Mieten, zu denen tatsächlich ein Vertrag abgeschlossen wird, liegen meist niedriger. »Bei Akelius ist es sehr auffällig: Sie testen, ob jemand die Wohnung zu dieser Miete mietet«, erklärt ein Aktivist, der aus Sorge um sein Mietverhältnis seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte.

Akelius reagiert inzwischen auf den geplanten Landes-Mietendeckel. »Für 2019 haben wir geplant 90 Millionen für die Instandhaltung und Sanierung unserer Berliner Objekte auszugeben. Für 2020 werden wir nicht wie geplant 100 Millionen Euro für diese Maßnahmen ausgeben, sondern nur 50 Millionen Euro«, erklärte Europa-Geschäftsführer Ralf Spann kürzlich auf nd-Anfrage. Für die Mieter*innenvernetzung ein Erfolg, auch in ökologischer Hinsicht. »Es sind Luxusmodernisierungen, die keinen ökologischen Vorteil bieten«, so der Aktivist.

Zurückziehen möchte sich Akelius aus Berlin jedoch nicht. »Wir haben vor zu bleiben und werden auch weitere Objekte in der Bundeshauptstadt erwerben. Ein Exit ist daher derzeit nicht geplant«, erklärt Ralf Spann. »Wenn irgendwann eine Mietsteigerung nicht mehr möglich ist, dann wird in Eigentum umgewandelt«, vermutet der Mieteraktivist. Der Konzern bestreite das jedoch, räumt er ein.

Dieser Artikel wurde am 15. 8. 2019 aktualisiert.

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