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  • Die Kinder von Golzow

Die Schlagworte des Mainstreams

Die Ethnologin Ulrike Häußer hat die berühmte Langzeitdokumentation »Die Kinder von Golzow« untersucht

  • Von Dieter Wolf
  • Lesedauer: 6 Min.
In der fünften Klasse in Golzow, 1966. Szene aus dem dritten Golzow-Film »11 Jahre alt«.
In der fünften Klasse in Golzow, 1966. Szene aus dem dritten Golzow-Film »11 Jahre alt«.

Schon 1985 kamen »Die Kinder von Golzow« ins »Guiness-Buch der Rekorde« - als älteste Langzeitbeobachtung des internationalen Films. Was 1961 für das Kino mit kurzen dokumentarischen Beobachtungen vom ersten Schultag einer 1. Klasse im Oderbruch begann und einst mit dem Schulabschluss enden sollte, entwickelte sich zu einer ganz besonderen Chronik, vor allem nach dem Ende der DDR. Aus 18 Porträtskizzen wurden individuelle Lebensbilder und anrührende, meist abendfüllende Filme. Das Lebenswerk von Barbara und Winfried Junge, 2007 vollendet, ist inzwischen durch Festivals und Goethe-Institute weltweit bekannt. Vor allem ist es durch über 250 Fernsehausstrahlungen und dank einer kompletten DVD-Ausgabe lebendig geblieben. In Golzow erinnert das wohl kleinste Filmmuseum der Welt an diese einzigartige Darstellung des Sozialismus-Experiments in der DDR.

Nun sind die »Kinder« auch in der Wissenschaft angekommen. Über dieses Projekt hat die Ethnologin Ulrike Häußer in Berlin an der Humboldt-Universität promoviert und ihre Dissertation unter dem Titel »Golzow Forever« veröffentlicht. Zu loben ist eine enorme zehnjährige Fleißarbeit über ein Filmwerk von insgesamt rund 43 Stunden. Und ein überraschend positives Fazit: »Winfried Junge hat (…) wichtige Bilder vom Innenleben der DDR und von den Erfahrungen ihrer Bürger während der Wendejahre geliefert, abseits und unabhängig vom medialen Mainstream (…), weshalb die Filme inzwischen einen derartigen Bedeutungszuwachs erhalten haben.«

Für ihre Arbeit verspricht Häußer, die Protagonisten zu Wort kommen zu lassen, damit sie Auskunft geben »über ihre Wahrnehmung des Filmprojekts und auch des Filmemachers«. Doch es finden sich in ihrem Buch nur ausführliche Interviews mit drei von 18 Porträtierten. Fragwürdig ist zudem die Auswahl, denn zwei von ihnen haben die Zusammenarbeit mit den Junges nach 1991 bzw. 2000 aus persönlichen Gründen beendet. Drei Auskünfte charakterisieren das Verhältnis des Filmemachers Winfried Junge zu seinen Mitwirkenden höchst einseitig. Manche Interviewaussagen suggerieren unzulässige Verallgemeinerungen: »Jochen findet daher, dass die Filme oft kaum etwas mit der Realität zu tun hatten.« Zudem nennt die Autorin das Verhältnis des Filmemachers zu Marieluise »vormundschaftlich«, weil er sie duzt - wie übrigens alle anderen Protagonisten auch (von denen Winfried Junge auch geduzt wird). Mehrfach bezeichnet sie Junges Interview-Verhalten als »auktorial«, was leider nichts aussagt über sein stabiles Vertrauensverhältnis zu seinen Helden, ohne das eine fünfzigjährige Zusammenarbeit undenkbar gewesen wäre. Die Autorin irrt sich auch im Gebrauch des Begriffs »Helden«. In der dramaturgischen Praxis steht »Held« für die zentrale oder künstlerische Gestalt, nicht aber für eine positive Vorbildfigur.

Betrachtet man das umfangreiche Literaturverzeichnis, wurde die Golzow-Primärliteratur nur ausschnitthaft genutzt. So entstehen sachliche Fehler. Als 14-jähriger Bastler hantiert der Protagonist Winfried Jerchel mit Lötwerkzeug, nicht mit einer Schweißer-Vorrichtung. Er hat nicht Regie studiert, sondern Dramaturgie und konnte nur dank Mentor Karl Gass zur Regie wechseln. An der Deutschen Hochschule für Filmkunst in Potsdam-Babelsberg wurden im Gründungsjahr 1954 nicht 13, sondern 48 Studenten immatrikuliert. Karl Gass hatte die Idee für die Langzeitdokumentation schon 1960 und nicht »während der Arbeitsperiode in Schwedt« (1963/64). Und auf den Ort Golzow kam Junge ganz ohne Gass.

Peinlicher aber ist die Missdeutung einer wichtigen Filmszene im zweiten Golzow-Film »Nach einem Jahr« (1962) im affirmativen DDR-Aufarbeitungsfokus: »aus heutiger Sicht skurril, dass die Kinder heiter durch den Giftnebel rennen«. Doch das von den Schülern der 1. Klasse bewunderte Agrarflugzeug versprüht Dünger und keine Pflanzenschutzmittel. Falsch ist auch die Bildbeschreibung, denn die Kinder laufen am Feldrand der sich weit entfernenden Maschine nur ein paar Schritte nach. Diese Szene provoziert die Autorin zu einer Exegese über DDR-Umweltsünden von 1960 bis 1980, mit statistischer Auflistung von 372 Präparaten und 174 Wirkstoffen und dem Vorwurf: »Weder in diesen Filmen (es war nur einer! D. W.) noch nach 1992 ging der Film dieses Thema an.« Wie und warum sollte er das auch?

Mehrfach moniert Ulrike Häußer, was ihr die Golzow-Filme alles nicht zeigen: etwa die Umsiedlerproblematik nach 1945 oder den Mauerbau 1961, auch vermisst sie im Bild der LPG »Einheit« in Golzow, gegründet 1952, die Vorgänge beim Abschluss der Genossenschaftsgründungen im Mai 1960. Die vermeintliche Lücke schließt sie mit einer Kurzdarstellung der »Zwangskollektivierung«. »Dieser von der Regierung angeordnete Enteignungsprozess wurde von den sogenannten Umsiedlern (…) als zweite Vertreibung empfunden.« Ohne Quellenangabe folgen Zahlen über die Abwanderung von Bauern, ja von Selbstmorden aus der Zeit vor Beginn der Produktion der »Kinder von Golzow«. Die unkritische Übernahme von Mainstream-Schlagworten ist auch faktisch falsch: Die Bauern wurden nicht enteignet, sie brachten ihr Land in die Genossenschaft ein und behielten die Eigentumsrechte - mit günstigen Folgen für die Reprivatisierung nach 1990.

Simplifizierend zählt die Autorin den parteilosen Winfried Junge obendrein zu den systemkonformen Dokumentaristen. Geradezu grotesk wirkt in einer wissenschaftlichen Arbeit diese Beobachtung: »Interessanterweise interessiert sich Junge offenbar sehr für den gesellschaftlichen Aufstieg, obwohl er in einem egalitär ausgerichteten Staat sozialisiert worden ist, in dem diese Frage doch eigentlich kaum noch relevant sein dürfte.« Die Ethnologin Häußer sollte wissen, dass personalisierte Frauenförderungspläne, Kultur- und Bildungspläne fester Bestandteil jedes Betriebskollektivvertrags zwischen Betriebs- und Gewerkschaftsleitung waren.

Auch wenn es stimmt, dass die Porträtierten »überwiegend in den sozialen Milieus ihrer Herkunftsfamilien« verblieben, dann ist dies doch kein Beweis für »den unüberbrückbaren Graben, der die Arbeiter- und Bauernklasse von der sozialistischen Intelligenz trennte«, da diese sich ja gerade aus Arbeiter- und Bauernkindern rekrutierte, die erst die Arbeiter- und Bauernfakultäten besuchten und dann studierten. Hier übersieht die Autorin auch die »Karriere« von Winfried Jerchel, Hochschulabsolvent (Diplom-Ingenieur), um den sich (weil er als Stahlschmelzer mehr verdient) der Hochschulminister kümmerte, nachdem er Junges Film gesehen hatte. Dessen Absturz im Handwerker-Milieu ist allein Folge der Deindustrialisierung des Ostens nach 1990. Auch die gelernte Köchin Gudrun wird studierte Staatswissenschaftlerin und Bürgermeisterin im Nachbardorf.

Orientiert am politischen Mainstream missdeutet die Autorin die stolz vorgeführte Motorisierung der 14-jährigen Golzower auf der Schwalbe als »Symbol für eine Jugend, der man die Flügel gestutzt hat«. So unterläuft ihr auch gleich noch eine absurde Spekulation: »Weil Winfried Junge 1955 (im Alter von Marieluise) nicht in den Westen ging, will er nun - selber etabliert - die Kinder und Zuschauer an sich und an das System binden.« Ihrer Ansicht nach scheinen »Reisefreiheit oder Freiheit allgemein als persönliche Ungebundenheit« für Junge »inakzeptable Werte« gewesen zu sein.

Dem Autor Uwe Kant wird gleich mehrfach Unrecht getan. Er schrieb und sprach den Kommentar für den Film »Anmut sparet nicht noch Mühe« (1979/80), nicht aber für »Wenn man vierzehn ist« (1969) und »Die Prüfung« (1971) - Sprecher waren hier die Schauspieler Lothar Schellhorn bzw. Dieter Wien.

Dass Kants Kommentar auf den »heutigen Zuhörer ideologisch überfrachtet und peinlich« wirke, bleibt unbewiesene Behauptung. Lange Zitate des Studiodirektors für die Hauptverwaltung Film oder des Hauptdramaturgen für seine Leitung charakterisieren in ihrer ideologischen Überhöhung nur die übliche politische Instrumentalisierung künstlerischer Gegenstände. Sie widerspiegeln weder die tatsächlichen Intentionen der Filmemacher noch die normale Rezeption der Zuschauer im Kino. Erfreulich ist immerhin das abschließende Plädoyer von Ulrike Häußer, »die DEFA-Dokumentarfilme stärker als bisher als historische Quellen zur Untersuchung des DDR-Alltags zu nutzen«. Vielleicht künftig treffsicherer als in »Golzow Forever«.

Ulrike Häußer: Golzow Forever. Eine Untersuchung der Langzeitdokumentation »Die Kinder von Golzow«, PanamaVerlag, 280 S., br., 29,90 €.

Der Autor gab zusammen mit Barbara und Winfried Junge beim Schüren-Verlag die Bücher »Und wenn sie nicht gestorben sind … Die Kinder von Golzow« und »Lebensläufe - Die Kinder von Golzow« heraus.

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