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Statussymbol für den Chef

Das Buch »Marx und die Roboter« erklärt, warum auch die Digitalisierung nicht zur menschenleeren Fabrik führt

  • Von Simon Poelchau
  • Lesedauer: 3 Min.

»Das Ende der Arbeit« hieß ein Bestseller aus dem Jahre 1995. Der US-Starökonom Jeremy Rifkin prognostizierte darin, dass es bis 2020 aufgrund der Automatisierung fast keine Fabrikarbeitsplätze auf der Welt geben würde. Nun, ein Jahr vor Ende seines Prognosezeitraumes, kann man wohl feststellen, dass Rifkin mit seiner Einschätzung daneben lag. Doch es gibt auch heute wieder Wissenschaftler, die prophezeien, dass die Fabriken bald menschenleer sein werden. So sorgten die Forscher Carl Benedikt Frey und Michael A. Osborne vor wenigen Jahren mit ihrer Studie »Die Zukunft der Arbeit« für Aufsehen, in der sie behaupteten, dass Computer bald über alle Sektoren hinweg 47 Prozent aller Berufe ersetzen könnten.

Warum die Arbeit trotz dieser Vorhersagen nicht ausgehen wird, solange der Kapitalismus bestehen bleibt, erklärt ein im Berliner Dietz-Verlag veröffentlichtes Buch. »Marx und die Roboter« heißt der von Sabine Nuss und Florian Butollo herausgegebene Sammelband mit Texten etwa von Frigga Haug und Timo Daum.

Dass es den (Alb-)Traum der menschenleeren Fabrik nicht erst seit dem Aufkommen des Internets, sondern seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gibt, zeigt der Historiker Karsten Uhl. So habe der Naturwissenschaftler Andrew Ure 1835 in seiner einflussreichen Abhandlung über die Textilfabriken das Bild einer nahen Zukunft gezeichnet, in der eine automatisierte Organisation der Fabrikarbeit qualifizierte Arbeit nach und nach überflüssig machen würde, schreibt Uhl in seinem Beitrag.

Ähnliche Diskussionen gab es im frühen 20. Jahrhundert mit dem Aufkommen des sogenannten Taylorismus. Nach dem Zweiten Weltkrieg führte man die Debatte in beiden deutschen Staaten fort. Dabei sei in der DDR vor allem betont worden, »dass vollautomatische Fabriken je nach Stand der Produktionsbedingungen beides sein könnten: Verheißung und Gefahr«, so Uhl. In dem populären Jugendsachbuch »Unsere Welt von morgen« von 1960, das vor allem als Jugendweihegeschenk eine weite Verbreitung fand, hieß es, »dass die Automatisierung im Kapitalismus die Gefahr des Arbeitsplatzverlustes mit sich bringe, während sie im Sozialismus zu einer Aufwertung der Qualifikation der Arbeit führe«.

Unterdessen überschätzte selbst Karl Marx die Auswirkungen der Automatisierung infolge der Industrialisierung und Mechanisierung im 19. Jahrhundert. Auch wenn seine Prognose vom Ende des Kapitalismus bekanntlich bisher noch nicht wahr wurde, kann man anhand seiner Kategorien und seiner Arbeitswerttheorie gut erklären, warum die Vision der menschenleeren Fabrik nicht mit der kapitalistischen Produktionsweise zu machen ist. Schließlich beruht diese auf der Aneignung menschlicher Arbeit. Nur diese schafft Wert und damit Mehrwert. Zwar können einzelne Unternehmer durch den Ersatz von Arbeitern durch Maschinen einen Extraprofit erheischen, was sie aufgrund des allgemeinen Konkurrenzdrucks auch tun. Doch auf volkswirtschaftlicher Ebene führt die Verdrängung des Menschen durch Maschinen in der Fabrik letztlich zu sinkenden Profitraten und Krisen, wie Elena Louisa Lange von der Universität Zürich in ihrem Beitrag »Heißhunger nach Mehrarbeit« aufzeigt.

Letztlich verhindert also die mangelnde Wirtschaftlichkeit, dass neue Technologien tatsächlich so schnell eingeführt werden, wie manch einer prophezeit. Das eine oder andere Gerät wird sogar nur als Statussymbol fürs obere Management angeschafft, obwohl es meist mehr Arbeit erzeugt als wegrationalisiert, zeigt die Techniksoziologin Sabine Pfeiffer. Auch das sogenannte Crowd- oder Clickworking, bei dem über Plattformen kleinteilige Arbeitsaufträge zum Teil nur für Centbeträge vergeben werden und das zuletzt als beunruhigende Entwicklung auf dem digitalen Arbeitsmarkt diskutiert wurde, ist laut Christine Gerber vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung bisher nur ein Randphänomen.

Wer aus marxistischer Sicht einen Überblick über Mythos und Wirklichkeit von Digitalisierung und Industrie 4.0 erhalten will, dem sei »Marx und die Roboter« wärmstens empfohlen. In fast 20 Beiträgen wird das Thema in seinen sämtlichen Facetten bis hin zu der Frage diskutiert, wie der digitale Fortschritt für eine nachhaltige und demokratische Wirtschaftsplanung nutzbar gemacht werden kann.

Sabine Nuss und Florian Butollo: Marx und die Roboter. Vernetzte Produktion, Künstliche Intelligenz und lebendige Arbeit, Karl Dietz Verlag, Berlin 2019, 350 Seiten, 20 Euro.

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