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Wie die Schüler baden gehen

Bei der Bürgermeisterwahl in Wandlitz ist der Bau eines Schwimmbads Wahlkampfthema

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.

42 Jahre lang war Norbert Bury bei der Polizei, zuletzt mit vier goldenen Sternen auf den Schulterstücken Leitender Polizeidirektor - ein hohes Tier also -, Studiendekan an der Fachhochschule der Polizei in Oranienburg. 33 Jahre lang war Norbert Bury Mitglied der CDU. Im Januar ist er in die AfD übergetreten. Unerträglich fand er, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) den Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen abgeschossen und den Geheimdienst auf die AfD angesetzt habe.

Bei der Kommunalwahl am 26. Mai 2019 bekam Bury in Wandlitz (Barnim) - er wohnt seit 1992 in der Gegend - die meisten Stimmen. Mit diesem Ergebnis im Rücken bewirbt er sich nun am 1. September um den Posten des Bürgermeisters. »30 Jahre nach der Wende haben wir in dieser Gemeinde ein eklatantes Demokratieproblem«, schimpft er bei einem Wahlforum der »Märkischen Oderzeitung« (MOZ) in der Kulturbühne »Goldener Löwe«. Er poltert: »Wer jetzt noch mitgeht, macht sich schuldig.«

Neben Bury auf dem Podium sitzt CDU-Bürgermeisterkandidat Klaus Siebertz und erklärt halb belustigt, jeder im Saal könne vielleicht sehen, wie er von seinem ehemaligen Parteifreund unter dem Tisch getreten werde - »wohl aus Versehen«. Dann wird Siebertz ernst. Er wohne seit 2010 in Wandlitz und führe viele Gespräche. Ein Demokratieproblem könne er nicht erkennen. Das zeige sich auch am gut besuchten Wahlforum.

Für 199 Besucher ist die Kulturbühne offiziell zugelassen, doch drängen sich im Saal rund 250 Menschen. Sie dürfen nicht nur zuhören, sondern auch Fragen stellen. Ein ehemaliger Kriminalpolizist nutzt die Gelegenheit und veralbert Bury mit der trockenen Bemerkung, er habe innerlich die Hacken zusammengeknallt, als Bury seine Karrierestationen aufzählte - im Innenministerium war er auch eingesetzt. Es entsteht immer mal wieder Unruhe im Saal, wenn Bury eine seiner steilen Thesen zum Besten gibt. Es sind allerdings auch Leute da, die ihm dann applaudieren.

Eins haben die früheren Parteifreunde Norbert Bury und Klaus Sie᠆bertz jetzt noch gemeinsam. Sie fordern den Bau eines Schwimmbads. Auf die Idee, dies im Jahr 2019 zum Wahlkampfschlager zu machen, ist Bury gekommen, als er noch in der CDU war. Siebertz hat das übernommen. »Wer mich wählt, bekommt das Schwimmbad«, verspricht er. Bürgermeisterin Jana Radant (parteilos) weiß, dass sich viele Wandlitzer ein Schwimmbad wünschen. Doch die Gemeindeverwaltung müsse die Varianten mit 16- oder 25-Meter-Becken erst durchrechnen. Eine Kostenschätzung werde Mitte 2020 vorliegen, kündigt Radant an.

Solange er die Kosten nicht kenne, wolle er nicht Ja oder Nein zu einem Schwimmbad sagen, enthält sich Oliver Borchert, Bürgermeisterkandidat der Freien Bürgergemeinschaft, in dieser Frage der Stimme. Er sieht nicht die unbedingte Notwendigkeit, ein Schwimmbad zu bauen, weil Schüler gegenwärtig mit dem Bus zum Schwimmunterricht nach Oranienburg gefahren werden. Er selbst hat im Standbad Wandlitzsee das Schwimmen gelernt, und das könnten die Jungen und Mädchen heute auch. Nur im Moment ist das Strandbad aus Sicherheitsgründen geschlossen, weil Taucher nach Altmunition suchen und schon einiges entdeckt haben. Die Kampfmittelbeseitigung werde aber nicht ewig dauern, weiß Borchert.

Gabriele Bohnebuck bedauert, allein werde die Gemeinde den Bau und den Betrieb eines Schwimmbads wahrscheinlich nicht stemmen können. Man müsste sich Partner dafür suchen, vielleicht irgendein Stadtwerk. Bohnebuck ist gemeinsam nominiert von ihrer Linkspartei sowie von den Grünen und einer unabhängigen Wählergemeinschaft. Diese drei Gruppierungen haben sich in der Gemeindevertretung zu einer Fraktion zusammengeschlossen, mit Bohnebuck als Vorsitzender. Sie verfügen zusammen über acht von 28 Mandaten in dem Kommunalparlament. Bohnebuck hat auch für andere Schwierigkeiten der Gemeinde konkrete Lösungsansätze. Der Stau auf der Durchgangsstraße ließe sich eventuell mit extra Linksabbiegerspuren auflösen. In Busverbindungen müsste mehr Geld gesteckt werden, damit zum Beispiel die Ortsteile Lanke und Prenden nicht abgeschnitten sind. Diese sind jetzt nur mit Schulbussen zu erreichen.

Bohnebuck weiß, wovon sie redet. 6800 Einwohner zählt Wandlitz, und viele von ihnen pendeln zur Arbeit nach Berlin. Bohnebuck ist eine davon, arbeitet beim Bezirksamt Pankow. Manchmal fährt sie die 20 Kilometer mit der Bahn, manchmal mit dem Fahrrad, manchmal mit dem Auto. Bei den Radwegen müsse etwas getan werden, sagt sie. Die enden manchmal einfach, ohne dass der Bordstein abgesenkt ist.

Wandlitz hat Probleme, von denen so oder so ähnlich auch andere Städte und Gemeinden im Berliner Umland geplagt sind. So ist sich Bohnebuck sicher, dass es perspektivisch nicht ausreichen werde, eine neue Grundschule zu bauen. Man werde zwei benötigen. CDU-Kandidat Siebertz kritisiert: »Wenn ich auf zwei Kitaplätze 70 Bewerbungen habe, dann ist das für die Eltern frus᠆trierend. So geht das nicht weiter.« Bürgermeisterin Radant stellt klar, am Ende seien alle Kinder untergebracht worden.

Bei der Bürgermeisterwahl vor acht Jahren hatten Teile der Linkspartei Unterstützung für Jana Radant signalisiert, als diese gegen den damaligen Bürgermeister Udo Tiepelmann (SPD) in die Stichwahl kam. Der eigene Bürgermeisterkandidat Frank Bergner war da bereits ausgeschieden.

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