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Holocaust-Witze an Schulen keine Seltenheit

Antisemitismusbeauftragter der Regierung will Umgang mit solchen Vorfällen in Lehrerausbildung integrieren

  • Von Lea Schönborn
  • Lesedauer: 3 Min.

Seit 2001 kommt es in Deutschland laut Polizeistatistik im Schnitt jeden Tag zu vier antisemitisch motivierten Straftaten. Vor zwei Wochen wurde der Rabbiner Yehuda Teichtal in Berlin-Wilmersdorf auf offener Straße angespuckt und angefeindet. Und diesen Mittwoch kam es in der Hauptstadt zu einem tätlichen Angriff auf einen 55-Jährigen, dessen jüdischer Glaube an seiner Kleidung erkennbar war.

Auch an den Schulen gibt es laut einer Studie der Soziologin Julia Bernstein ein Problem mit Antisemitismus. Der Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus, Felix Klein, verlangte deswegen im Gespräch mit »nd«, den adäquaten Umgang mit Antisemitismus in die Lehrerausbildung zu integrieren.

Die Forderung kommt nicht von ungefähr. In ihrer Studie hatte Bernstein im Dezember 2018 die teilweise schwierigen Umstände für jüdische Schüler, Eltern und Lehrer aufgezeigt. Sie hatte dafür 227 Interviews an 171 Schulen in ganz Deutschland geführt. Ein Befund: Hakenkreuze und Holocaust-Witze sind an deutschen Schulen keine Seltenheit. Zugleich seien Lehrkräfte in solchen Situationen oft überfordert, konstatiert sie.

Daran möchte Felix Klein etwas ändern. Und er habe bereits viel erreicht, sagt der Antisemitismusbeauftragte. Sein Amt im Innenministerium wurde im Mai 2018 geschaffen. Inzwischen steht Klein im regen Austausch mit allen Bundestagsfraktionen. Und er hat eine Bund-Länder-Kommission initiiert. Nun soll es auch ein mit acht Experten aus Wissenschaft, Bildungspraxis und Zivilgesellschaft besetztes Beratungsgremium geben. Impulse aus dem Beraterkreis will Klein mit in die Kommission nehmen. Die meisten Bereiche, in denen Antisemitismus eine Rolle spielt, darunter Kultur, Bildung und Polizeiarbeit, sind Ländersache.

»Du Jude« sei auf deutschen Schulhöfen ein gängiges Schimpfwort, sagt Klein. Bernstein fügt gegenüber »nd« hinzu, es sei sogar das am meisten verbreitete. Die Schulen sind also Brennpunkte, aber auch Orte für mögliche Lösungen, wenn Lehrer ausreichend darauf vorbereitet sind. Bernstein plädiert für Seminare, die Lehramtsstudierende über die zahlreichen Formen des Antisemitismus informieren. Dies könne auch mit Informationen zu anderen Diskriminierungsformen geschehen.

Noch viel wichtiger seien die »Grauzonen«, die es insbesondere in der Kritik am Staat Israel gibt. Bernstein und andere sind überzeugt, dass Israelkritik oft als »Hülle« für Antisemitismus diene. Der israelische Politiker Natan Scharanski erklärt, die Grenze zum Antisemitismus sei dort überschritten, wo Kritik mit einer Dämonisierung und Delegitimierung israelischer Politik einhergehe - und dort, wo »doppelte Standards« angelegt werden.

Bernstein schlägt vor, angehende Lehrer Beispielsätze als »normal« oder antisemitisch einordnen zu lassen. Der Vergleich von israelischer Politik mit der der Nazis sei zum Beispiel klar antisemitisch. Eine Beispielfrage dafür ist: »Wie kann man sich nach dem Holocaust, als schlimmst möglichen Völkermord, wie die Nazis verhalten?«

Bernstein betont, durch fehlendes Wissen falle es Lehrern schwer, eine angemessene Haltung einzunehmen, wenn ein Schüler abwertend als Jude bezeichnet wird. »Es gibt eine Verkrampftheit beim Thema Antisemitismus«, sagt sie. »Die kann nur durch intensive Auseinandersetzung mit verschiedenen Ausprägungen von Antisemitismus gelockert werden.«

Ein Problem sieht Felix Klein auch darin, dass das Thema jüdisches Leben an den meisten Schulen das erste Mal in Verbindung mit dem Holocaust auftaucht. »Wir sollten Juden nicht nur als Problemgruppe darstellen«, sagt Klein. Auch Bernstein findet: »In der 8. Klasse hatten die Kinder schon genug Zeit, sich Stereotype anzueignen.« Die Beschäftigung etwa mit jüdischen Literaten und Künstlern, mit Feiertagen im Judentum und vielem mehr müsse weit früher beginnen. Bund und Länder sollten Lehrern hier die richtigen Werkzeuge in die Hand geben, um ein ganzheitliches Bild des Judentums und jüdischer Geschichte zu vermitteln - über den Holocaust hinaus.

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