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Die Konjunktur steht auf der Kippe

Die hiesige Wirtschaft schrumpfte im zweiten Quartal leicht um 0,1 Prozent

  • Von Simon Poelchau
  • Lesedauer: 4 Min.

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Wirtschaftskrise: Die Konjunktur steht auf der Kippe

Lange Jahre ging eigentlich alles gut. Während die Nachbarn unter der Eurokrise ächzten, erlebte Deutschland einen der längsten Aufschwünge der Geschichte. Bis auf ein paar kleine Unterbrechungen wuchs die Wirtschaft seit der Finanzkrise. Es schien fast schon, dass der Boom kein Ende hätte. Doch seit einiger Zeit ist die Stimmung nicht mehr die beste. Die Wirtschaftslobby drängt mit Verweis auf die Verwerfungen im Welthandel auf Steuergeschenke für die Unternehmen. Und auch Bundesfinanzminister Olaf Scholz verteidigte seinen Plan zur fast völligen Abschaffung des Solidaritätszuschlags damit, dass dies die schwächelnde Konjunktur stützen würde. Dass sich Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) auf seiner Sommerreise am Montagabend beeilte, ein »Gute Arbeit von morgen«-Gesetz zur Erleichterung von Kurzarbeit anzukündigen, deutet indes darauf hin, dass die Lage tatsächlich akut zu werden droht.

Nun veröffentlichte das Statistische Bundesamt am Mittwoch Zahlen, die Pessimisten bestätigen: Das Bruttoinlandsprodukt sank von April bis Juni im Vergleich zu den drei Monaten davor um 0,1 Prozent. Anfang des Jahres hatte die Wirtschaft noch um 0,4 Prozent zugelegt. Jedoch kappten die Konjunkturforscher in den letzten Monaten reihenweise schon ihre Prognosen für dieses Jahr. So geht das Bundeswirtschaftsministerium nur noch von 0,5 Prozent Wachstum aus. Vergangenen Herbst rechnete es noch mit 1,8 Prozent für dieses Jahr. Zum Vergleich: 2018 wuchs die Wirtschaft über das Jahr noch um 1,5 Prozent.

»Die Konjunktur steht derzeit echt auf der Kippe«, beurteilt der Chef des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Sebastian Dullien die derzeitige Lage. Sein Institut gab am Mittwoch einen Konjunkturindikator heraus, dem zufolge die Gefahr weiter gestiegen ist, dass Deutschland bis Ende Oktober in eine Rezession geraten könnte. Lag das Risiko im Juli noch bei 36,6 Prozent, sind es nun 43 Prozent.

Man spricht von einer Rezession, wenn die Wirtschaft mindestens zwei Quartale in Folge schrumpft. So hatten einige Experten Anfang des Jahres befürchtet, dass die Wirtschaft bereits Ende vergangenen Jahres in eine Rezession geraten wäre. Denn im dritten Quartal 2018 war das Bruttoinlandsprodukt um 0,2 Prozent gesunken. Als die amtlichen Statistiker dann vermeldeten, dass die Wirtschaft zu Jahresende nur stagniert hatte, war die Erleichterung groß.

»Eine Schwächesituation muss nicht immer in einer Rezession enden«, sagt IMK-Forscher Dullien. Auch in Zeiten des Aufschwungs kann es immer mal zu kurzen Phasen kommen, in denen die Wirtschaft schrumpft, statt wächst. Solche kleineren Dellen in der Konjunktur gab es etwa Ende 2012 oder Anfang 2015. Was Dullien und andere Ökonomen pessimistisch macht, sind stattdessen die Konjunkturaussichten, die sich ihnen derzeit bieten. Im Baugewerbe, bei den Dienstleistungen und im Konsum läuft es zwar noch recht gut, doch in der Industrie dafür ums so schlechter.

Bereits Anfang vergangener Woche vermeldeten die Maschinenbauer für das erste Halbjahr 2019 einen Einbruch bei den Auftragseingängen um neun Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Und auch laut dem Einkaufsmanagerindex des Bundesverbands Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik, der einer der wichtigsten Frühindikatoren für Abschwünge ist, schrumpfte das verarbeitende Gewerbe im Juli so stark wie seit sieben Jahren nicht mehr.

Dabei fällt der Industrie derzeit auf die Füße, was lange als ihr Erfolgsmodell galt: ihre massive Orientierung auf den Export. Denn seitdem sich die USA und China gegenseitig mit Sonderzöllen überhäufen, wird die Stimmung im globalen Handel immer schlechter und die Nachfrage nach Waren »Made in Germany« geringer. So sanken zum Beispiel die Ausfuhren deutscher Autos, die das wichtigste Exportgut der hiesigen Wirschaft sind, in den ersten sieben Monaten dieses Jahres um 14 Prozent.

»Die Unsicherheit aus dem in Washington angezettelten Handelskonflikt zwischen den USA und China ist Gift für die Weltwirtschaft, von der Deutschlands Exportmodell so sehr abhängt«, sagt folglich der Konjunkturchef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Claus Michelsen. Während die Exporte nach China noch relativ stabil seien, liegen ihm zufolge die akuteren Probleme vor der Haustür: »Die drohenden Verwerfungen und die Unsicherheit im Zusammenhang mit dem Brexit wirken sich dämpfend auf die deutschen Exporte in das Vereinigte Königreich aus«, so Michelsen. Und auch die Nachfrage aus Italien habe - wohl auch infolge der dortigen politischen Situation - spürbar nachgelassen.

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