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Hurra, es schneit Mikroplastik

Toxischer Schnee: Wissenschaftler wiesen Rekordmenge von Plastikpartikeln in Bayern nach

  • Von Ulrike Henning
  • Lesedauer: 4 Min.

Selbst an abgeschiedenen Orten der Erde lässt sich mittlerweile Mikroplastik nachweisen, wie jetzt Forscher des Alfred-Wegner-Institutes für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven feststellen mussten. Ihre Studie legt nahe, dass die Kunststoffteilchen über die Luft in frischen Schnee in den Alpen wie auch in die Arktis gelangten. Veröffentlicht wurde das Papier am Donnerstag.

Schon länger war bekannt, dass Mikroplastik in unserer Umwelt weit verbreitet ist, in Seen, Flüssen und Meeren schwimmt und sich auch im Boden anreichert. Da die Partikel als Bestandteil von Staub hoch in die Atmosphäre getragen werden, ist anzunehmen, dass sie durch Niederschläge wieder zum Boden gelangen können. Die Wissenschaftler analysierten für ihre Studie frisch gefallenen Schnee in den Schweizer Alpen, in der Arktis, auf Helgoland, aber auch in dichter besiedelten Gegenden wie in Bremen oder an einer Landstraße in Bayern. In der Arktis wurden die Proben sowohl von der Inselgruppe Spitzbergen als auch von mehreren Eisschollen entnommen.

Der Schnee wurde geschmolzen, das Wasser gefiltert und die Rückstände mittels Infrarotspektroskopie untersucht. Im Schnitt fanden die Wissenschaftler 1760 Teilchen pro Liter Schmelzwasser in den arktischen Proben; auf einer Eisscholle waren es sogar 14 400 Teilchen. Die am höchsten belastete Probe wurde neben einer Landstraße in Bayern genommen, sie enthielt 154 000 Teilchen pro Liter. Die Größe der Partikel lag zwischen 11 und 474 Mikrometern (Millionstel Meter), allerdings waren 80 Prozent aller Teilchen kleiner als 25 Mikrometer. Wissenschaftler sprechen ab einer Größe von weniger als 0,1 Mikrometern von Nanoplastik.

Die Forscher wiesen in den Proben Lackteilchen, Nitrilkautschuk und Polyamide nach. Der genannte synthetische Kautschuk wurde erst 1930 entwickelt und gilt noch heute als eine der meistverwendeten Sorten. Die Herkunft der gefundenen Teilchen ist äußerst heterogen: Sie können aus Fahrzeugbeschichtungen oder Gebäuden stammen, aus Reifenabrieb oder Schuhsohlen und aus weiteren Kunststoffen.

Der Transport über die Luft etwa in die Arktis ist deshalb naheliegend, weil auch Pollen aus den mittleren Breiten auf diesem Weg in die Arktis gelangen. Die Pflanzenteile besitzen eine ähnliche Größe wie die gefundenen Plastikpartikel. Die Transportkette über den Schnee würde auch die hohen Mengen von Mikroplastik erklären, die schon in früheren AWI-Studien im arktischen Meereis und in der Tiefsee gefunden wurden.

Die Frage ist nun, ob Mikroplastik aus der Umwelt dem Menschen schaden kann, wenn er dieses über Luft, Trinkwasser oder Nahrung aufnimmt. Dass die Partikel aufgenommen werden, ist erst in jüngster Zeit nachgewiesen worden. Im vergangenen Herbst hatten Forscher aus Österreich erstmals in menschlichen Stuhlproben Mikroplastik gefunden. Das könnte schon fast wieder optimistisch stimmen, weil die Teilchen eben auch wieder ausgeschieden werden. Theoretisch könnten sie aber vorher die Darmwand oder anderes Gewebe geschädigt haben. Andererseits beunruhigt die Vorstellung, dass die Partikel häufig nicht allein »reisen«, sondern sich bestimmte Schadstoffe gern an sie anheften. Diese könnten durch die sauren Magensäfte freigesetzt werden und in den Blutkreislauf gelangen. Auch aus dem Plastik selbst könnten giftige Bestandteile im Verdauungssystem freigesetzt werden. Das sind jedoch noch Vermutungen.

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Eine weitere schlechte Nachricht kam in diesem Sommer von der University of Newcastle in Australien, die im Auftrag des World Wildlife Fund (WWF) die Aufnahme von Mikroplastik durch den Menschen untersuchen ließ. Danach sind es durchschnittlich pro Person wöchentlich 2000 Teilchen, etwa 21 Gramm im Monat und etwas mehr als 250 Gramm im Jahr. Nachgewiesen wurde Mikroplastik in Nahrungsmitteln wie Honig, Muscheln und Fisch. Weitere Quellen sind der Abrieb von Mikroplastik in Kunststoffflaschen und Synthetikfasern in der Atemluft. Die Leiterin Meeresschutz von WWF Deutschland, Heike Vesper, kommentierte die Ergebnisse so: »Wir können nicht verhindern, dass wir selbst Plastik aufnehmen.« Bestandteil eines globalen Plans gegen Plastikverschmutzung müsse die Vermeidung der Kunststoffe sein, denn laut WWF wurde seit dem Jahr 2000 so viel Plastik produziert wie in allen Jahren zuvor zusammen.

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