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  • Städtepartnerschaft Berlin-Peking

Karaoke mit Harald

Berlin trifft Peking: Die Ausstellung »The Summer of China« zeigt Werke chinesischer Künstler

  • Von Christian Y. Schmidt
  • Lesedauer: 4 Min.

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Plakatkunst: »Harald mit Pekingente« von Frederik Foert
Plakatkunst: »Harald mit Pekingente« von Frederik Foert

Der heißeste Sommer in Berlin seit Erfindung des lateinischen Alphabets steht ganz im Zeichen Chinas. Berlin und Peking sind nämlich nunmehr seit 25 Jahren durch eine Städtepartnerschaft verbunden, was Anlass für eine Reihe von Veranstaltungen in der deutschen Hauptstadt gibt. Im Museum für Fotografie findet beispielsweise unter dem Titel »Berlin Peking Visual Exchange« noch bis zum 25. August eine große Schau mit in Berlin und Peking lebenden chinesischen und deutschen Künstlern statt, darunter He Xiangyu, Teilnehmer an der diesjährigen Biennale in Venedig. Auf Straßenfesten wie dem beliebten »Summer in the City« auf dem Breitscheidplatz wird von einem »Kung Fu Ensemble Berlin« - was es nicht alles gibt! - »traditioneller Drachentanz und Tai Chi Action« geboten. Und zur Krönung sollen am 24. August acht Oldtimer starten, die auf der Route der Seidenstraße in genau 52 Tagen Peking erreichen sollen, auch wenn das wohl in Zeiten des Klimawandels ein etwas zweifelhaftes Unternehmen ist.

Einen Kontra- oder besser: Ergänzungspunkt zum offiziellen Programm setzt die kleine Galerie Eigenheim Berlin. Hier hat der künstlerische Leiter Konstantin Bayer zusammen mit seinem Künstlerkollegen Frederik Foert den »Summer of China« ausgerufen, ein Ausstellungsprojekt, zu dem die beiden vier chinesische Künstler eingeladen haben. Bayer und Foert haben längere Zeit in China gelebt bzw. pendeln zwischen Berlin und Peking, weshalb sie sich den Luxus leisten konnten, sich bei ihrer Einladungspolitik nicht nur am Stellenwert der Künstler im chinesischen Kunstbetrieb zu orientieren, sondern auch an ihren persönlichen Kontakten und Vorlieben.

Ähnlich spielerisch und unbekümmert ist man bei der Auswahl der Ausstellungsgegenstände vorgegangen. So kann man in der Galerie Kunst besichtigen, die man in der »offiziellen« Ausstellung sicher nicht finden wird. Dazu gehört das Prunkstück des »Summer of China«: ein Plakat, auf dem ein grinsender Harald Juhnke jahrzehntelang an einem prominenten Ort in Berlin für das China-Restaurant seines Schwiegervaters warb und das das Chinabild vieler Berliner gewiss mehr geprägt hat als sämtliche Kalligrafiekurse an den Volkshochschulen zusammen. Ein Punkt, auf den Timm-Ulrichs-Schüler Frederik Foert ironisch abhebt, indem er das Relikt wieder ausgegraben, dekorativ auf einen Leuchttisch montiert und ins Schaufenster der Galerie gehängt hat. Die großformatigen, magisch verzitterten Schwarz-Weiß-Fotografien von Caucasso Lee Jun würden dagegen auch ins Museum für Fotografie passen. Doch diese Ausstellung ist nun mal im Jubiläumsjahr Berlinern und Pekingern vorbehalten. Lee hingegen ist 1970 in Shanghai geboren und lebt auch dort.

Der vielleicht wichtigste Unterschied zur im Museum für Fotografie gezeigten Schau aber sind die Öffnungszeiten. Wenn das Museum pünktlich um 19 Uhr schließt, geht es in der Galerie Eigenheim erst richtig los, zumindest an den deutsch-chinesischen Disco- und Karaoke-Abenden. Dazu muss die von Konstantin Bayer gebaute Bühne herhalten, selbst ein glitzerndes Ausstellungsobjekt mit Karaokeanlage, Discolicht, Lampions und Windmaschine. In diesen Nächten, die wie die Partys in Peking und Berlin bis in die frühen Morgenstunden gehen, wird deutsch-chinesische Verständigung konkret, auch weil immer wieder chinesische Nachbarn hereinschneien. Nicht von ungefähr, denn die Galerie liegt in der Kantstraße, die so etwas ist wie das Chinatown Berlins, mit Wurzeln, die bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts zurückgehen.

So zwischen vier und fünf Uhr morgens entsteht dann jedes Mal eine chinesisch-deutsche soziale Plastik, an deren genaue Gestalt sich am nächsten Tag zwar keiner mehr erinnern kann, um die aber die Museen Berlins die kleine Galerie beneiden können. Eine letzte Chance, bei einer dieser Sommerkaraoke-Nächte dabei zu sein, wird es am Samstag anlässlich der Finissage geben. Hier wird als Ouvertüre zunächst Extremkünstler Ole Aselmann von seinem Fußmarsch von Berlin nach Peking berichten. Dann wird gesungen und gefeiert. Nach dieser Nacht kann dann die Klimakatastrophe wirklich kommen.

Ausstellung: »The Summer of China«, noch bis zum 17. August. Galerie Eigenheim, Kantstraße 28, Berlin. www.galerie-eigenheim.de

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