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Eine Strategie gegen die Armut

Der Bezirk Lichtenberg versucht, der zunehmenden Zahl armer Kinder Herr zu werden

  • Von Claudia Krieg
  • Lesedauer: 3 Min.

»Verglichen mit dem Berliner Durchschnitt verzeichnen wir in unserem Bezirk doppelt so viele von Armut betroffene Kinder«, stellte Claudia Engelmann, fachpolitische Sprecherin für Jugend, der Linksfraktion auf der letzten Sitzung der Lichtenberger Bezirksverordnetenversammlung Ende Juni fest. Das Bezirksamt hatte dort die Antwort auf eine große Anfrage der LINKEN-Fraktion zu Kinderarmut im Bezirk geliefert und dieses »erschreckende Ergebnis«, so Engelmann, zutage gefördert.

Als Hauptursachen für Kinderarmut gelten die Einkommensverhältnisse der Eltern und der Familienstatus »alleinerziehend«. Dabei wurden in den letzten Jahren Schul- und Kitaplatzangebote ausgebaut, Hilfsangebote für Alleinerziehende wie das »Netzwerk Alleinerziehend« stark gefördert. Gereicht hat dies offenbar nicht. Eine neue Kinderarmutspräventionsstrategie des Bezirks soll nun für die kommenden zwei Jahre auf den Weg gebracht werden.

Grundsätzlich ist der prozentuale Anteil der von Armut betroffenen Kinder seit 2008 gesunken - sowohl in Lichtenberg als auch in ganz Berlin. In Lichtenberg waren im Jahr 2008 40,1 Prozent, im Jahr 2016 nur noch 30,5 Prozent der Kinder arm; zuletzt wurde die Zahl für den Bezirk mit 25 Prozent (2018) angegeben. Durch die in den letzten Jahren stark angestiegene Gesamtzahl von Kindern in Lichtenberg - in Lichtenberg wuchs die Zahl der Kinder doppelt so stark wie im Berliner Durchschnitt - wächst die tatsächliche Zahl von armen Kindern jedoch weiterhin.

Für den Bezirk bedeutet dies aktuell insgesamt rund 12 000 von Armut betroffene Kinder.

Statistisch gesehen, ist die Verteilung der Kinderarmut im Bezirk sehr heterogen. Der Anteil von betroffenen Kindern ist besonders hoch in den Quartieren Falkenberg Ost, Falkenberg West, Wartenberg Süd, Zingster Straße, Hohenschönhausener Straße, Rosenfelder Ring. Hier wächst etwa jedes zweite Kind unter 15 Jahren in relativer Armut auf, sagt das Monitoring Soziale Stadtentwicklung Berlin 2018. Zugleich gibt es ein enormes Nord-Süd-Gefälle beim Anteil von Familien, die Hartz IV beziehen: Bei 45 Prozent liegt die Quote in Hohenschönhausen Nord, während sie in Karlshorst und Rummelsburg gerade mal sechs Prozent beträgt.

Haushalte gelten als armutsgefährdet, wenn sie über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens vergleichbarer Haushaltskonstellationen verfügen. Hierbei werden alle Einnahmequellen berücksichtigt, auch staatliche Leistungen wie Wohngeld oder Kindergeld. Alle Kinder und Jugendlichen unter 15 Jahren, die in Bedarfsgemeinschaften leben, gelten als arm. »Ihre Entwicklungs- und Teilhabechancen sind bei zum Teil prekären Lebensumständen stark beeinträchtigt. Es besteht die Gefahr, dass sich die Armutsdauer manifestiert und die Verweildauer junger Menschen in Armut hoch bleibt«, so Sandra Born, die im Bezirksamt Lichtenberg für den Bereich Qualitätsentwicklung, Planung und Koordination des öffentlichen Gesundheitsdienstes an der Präventionsstrategie mitschreibt.

Wer bei Kinderarmut an Kinder denkt, die traurig sind, weil Urlaubs-und Schulreisen, Kinobesuche und teure Handys für sie nicht drin sind, liegt nicht völlig daneben. Aber das ist längst nicht alles. Eine Kindheit in Armut, so auch das Präventionskonzept, bedeutet häufig auch schlechtere Bildungschancen, gesundheitliche Beeinträchtigungen und ein geringeres psychisches Wohlbefinden - und beeinträchtigt damit nachhaltig den Lebenslauf. Oft seien soziale Unterstützungs- und Freundschaftsnetzwerke kleiner, Bildungsbiografien belastet von entwicklungsverzögerten Rückstellungen, Klassenwiederholungen, schwierigeren Übergängen zwischen den Sekundarstufen.

Man wolle aber zunächst, so das Papier, das »nd« vorliegt, die bestehenden Präventionsprojekte kritisch hinterfragen und weg von »Defizitfeststellung« und »Schuldzuweisung«.

»Kinder sollen in sicheren Verhältnissen aufwachsen, in denen sie sich entwickeln können und Zukunftsperspektiven haben«, sagt Michael Grunst (LINKE). Der Lichtenberger Bezirksbürgermeister will »Kinderarmut nicht akzeptieren«.

Die rot-rot-grüne Koalition auf Landesebene hat einiges vorgelegt: Gebührenfreie Kitas, kostenloses Mittagessen, Lernmittelfreiheit, mehr Familienzentren, flexible Kinderbetreuungsangebote. In Lichtenberg brauchen Kinder noch mehr Hilfe, um sich langfristig gegen Armut behaupten zu können. So wie ihre Eltern auch.

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