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Gefühlsdesinfektion der Bürger

Von Krieg und Totalitarismus: Vor 100 Jahren wurde der Schriftsteller Antonis Samarakis geboren

  • Von Stefan Berkholz
  • Lesedauer: 4 Min.

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Antonis Samarakis 1988 vor einem Ostberliner Hotel, das es nicht mehr gibt
Antonis Samarakis 1988 vor einem Ostberliner Hotel, das es nicht mehr gibt

Antonis Samarakis war einer der populärsten Schriftsteller Griechenlands. Sein Humanismus und seine schlichte, schnörkellose Sprache machten seine Bücher zu Erfolgstiteln. Sie wurden in 30 Sprachen übersetzt, erschienen sowohl in der BRD als auch in der DDR. Neben Nikos Kazantzakis war Samarakis der international erfolgreichste Prosaautor seines Landes.

Als sein Roman »Der Fehler« vor fünfzig Jahren erstmals auf Deutsch vom Münchner Verlag Blanvalet veröffentlicht wurde, war er in Griechenland bereits verboten. Heute gilt »Der Fehler« als einer der wichtigsten allegorischen Romane zum Totalitarismus.

Samarakis hatte den Roman zwei Jahre vor dem Militärputsch der Obristen veröffentlicht. Er nahm damit den Polizeistaat, die Überwachung und Bespitzelung, die Angst der Verfolgten und die Paranoia der Verfolger vorweg. Doch zugleich ließ der Schriftsteller seinen Roman zuversichtlich enden. Denn »Der Fehler«, so lautet die Moral am Ende, liege auch in einem solchen Überwachungssystem: Ein Gefühl der Verbundenheit zwischen Menschen lasse sich in totalitären Systemen nicht völlig zerstören, die Humanität siege. »Je länger wir gingen«, heißt es einmal, »desto mehr erwärmte sich zwischen uns die Atmosphäre …«

Am 16. August 1919 kam Antonis Samarakis in Athen zur Welt. Er studierte Jura und arbeitete zunächst im Arbeitsministerium. Unter der deutschen Besatzung ging er in den organisierten Widerstand, entkam im Sommer 1944 knapp seinem Todesurteil, konnte fliehen und untertauchen. 1954 veröffentlichte er unter dem Titel »Hoffnung gesucht« Kurzgeschichten, 1959 folgte der Roman »Alarmsignal«, 1961 kamen weitere Kurzgeschichten unter dem Titel »Ich weigere mich« hinzu, 1965 dann sein bekanntestes Buch »Der Fehler«. Der Faschismus sei für ihn »die Gefahr Nummer eins«, bekannte Samarakis. »Der Fehler« erinnert an ein Kammerspiel. Zwei Spezialagenten ringen mit einem Verdächtigen, einem mutmaßlichen Gegner des Systems. Immer neue Fallen und Aufgaben werden dem Delinquenten gestellt, damit er dingfest gemacht oder, sicherer noch, »auf der Flucht erschossen« werden kann.

Doch es kommt anders. Der Beschuldigte nutzt eine Gelegenheit zur Flucht nicht, die Gegner kommen sich näher, werden vertraut miteinander. Eine Notgemeinschaft entsteht, die schließlich in einem überraschenden Schluss auseinanderfällt. Er habe »den unerbittlichen Mechanismus des faschistischen Systems zeigen« wollen »und zugleich die Angst des einfachen Menschen, der plötzlich in dieses Räderwerk geraten ist«, erklärte Samarakis.

Manche Töne aus diesem Roman kommen einem gespenstisch gegenwärtig vor. »Für das Regime gilt das Gesetz«, verdeutlicht einer der Vernehmer. »Wer nicht für mich ist, ist wider mich.« Ja, das sei förmlich »wie eine algebraische Gleichung« zu verstehen. Nicht Hitler habe diese Parole ausgegeben, lacht der Vernehmer den Angeklagten aus, »es war Christus«. Solche Dialoge sind heutzutage auch in der Türkei, Ungarn, Italien oder den USA vorstellbar. Die Sicherheitszonen der Autokraten werden ständig neu vermessen.

Wie einen Kriminalroman hat Samarakis seine Geschichte angelegt, es ist ein Pageturner mit Thriller-Elementen. Dem Leser stellen sich häufig Fragen, die sich erst im Verlauf der Erzählung auflösen. »Der Fehler« wurde auch verfilmt, ebenso wie die späteren Bücher »Der Fluß« und »Der Dschungel«.

In seinem literarischen Gesamtwerk setzt sich Samarakis mit der Absurdität und den Gefahren des Krieges auseinander, mit dem Verlust von Idealen, mit Korruption, sozialem Elend sowie der Vereinsamung und Entfremdung des modernen Menschen. »Nie zuvor sind die Dächer unserer Häuser dichter beieinander gewesen als heute«, heißt es in der Kurzgeschichte »Eine Nacht«, »und nie zuvor sind die Herzen so fern voneinander gewesen.«

In der Erzählung »Der Reisepass« von 1972 schildert er die Albträume eines Hilfsbuchhalters, der in die Fänge eines Überwachungsstaats gerät. Zum ersten Mal in seinem Leben möchte der 51-jährige Mann einen Reisepass erhalten, stattdessen landet er in der »Abteilung für Gefühlsdesinfektion der Bürger«. Man denkt unweigerlich an Orwells »1984«, Huxleys »Schöne neue Welt« und Bradburys »Fahrenheit 451«. Die Mühlen mahlen, die Bürokratie bleibt anonym, der Einzelne wird verfolgt und mit Vorwürfen konfrontiert, die er nicht versteht.

Ebenso wie in »Der Fehler« ist im »Reisepass« der Einzelne ein Ahnungsloser, der nicht versteht, wie ihm geschieht und warum er schuldig sein soll. »Es ist am besten, wenn man gar nichts versteht und nicht fragt«, gibt dem Gefangenen einer seiner Häscher mit auf den Weg. Auf diese Weise aber werde jeder schuldig in einem totalitären System, erklärte einst der ungarische Literaturnobelpreisträger Imre Kertész. Doch Samarakis lässt in »Der Reisepass« am Ende das Gewissen siegen und den Angeklagten widerstehen. Allerdings wirkt die gute Absicht des Verfassers heute etwas zu rasch umgesetzt und auch ein wenig platt.

1989 wurde Samarakis von der Entwicklungshilfeorganisation der Vereinten Nationen zum »Botschafter des guten Willens« ernannt. 1996 veröffentlichte er seine Autobiografie. Er starb am 8. August 2003 in Pylos, Westgriechenlamd. Heute sind Samarakis’ Bücher auf Deutsch nur noch antiquarisch zu bekommen. Dabei ist sein Werk aktuell geblieben, auch angesichts des neuerlichen Wandels hin zu Populismus und Autokratismus.

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