Saudi-Arabien

Nikab, Abaja und Businesskostüm

Susanne Koelbl beobachtet die zaghafte Öffnung der saudischen Gesellschaft - auch für Frauen

Von Antonia Witt

Sie beschreiben Saudi-Arabien als ein Land im Aufbruch: Die Abhängigkeit vom Öl soll verringert werden, Wirtschaft und Gesellschaft befinden sich in einer tiefgreifenden Transformation. Saudische Frauen dürfen seit Mitte 2018 Auto fahren, künftig auch verreisen, das Land möchte sich gegenüber dem Westen öffnen. Was verändert sich dort sonst?

Saudi-Arabien ist ein Land mit extremen Widersprüchen - es ist eine hoch technologisierte Gesellschaft und gleichzeitig ultrakonservativ. Das Königreich mit seiner extrem ideologischen religiösen Ausprägung hatte sich lange Zeit von der Welt abgeschottet. Die meisten jungen Menschen begrüßen die jüngsten Entwicklungen. Dieser Aufbruch vollzieht sich in autokratischem Regierungsstil, der jegliche Form von Kritik an den Herrschern verfolgt. Viele politische Entscheidungen in der Welt werden von Saudi-Arabien erheblich mit beeinflusst, deshalb ist es auch für uns bedeutsam ist, ob dieser Aufbruch gelingt und wie er gelingt.

Wie haben Sie die Frauen in Saudi-Arabien während Ihrer Auslandsaufenthalte erlebt?

Ich habe Frauen gesehen, die sich durch Gesetze und ihre Ehemänner stark eingeschränkt fühlten, und andere, die keineswegs unglücklich waren in ihrer Position als zweite oder dritte Frau an der Seite eines Mannes, wenn diese Heirat ihnen einen gesellschaftlichen Aufstieg ermöglicht hat. Es gibt kein homogenes Bild. Es gibt junge, studierende Frauen, die sich in dem ultrareligiösen Kontext und durch ihre kontrollierende Familie beschützt fühlen vor den Gefahren der Außenwelt, auch vor Schmerzen wie Liebeskummer. Daneben gibt es sehr erfolgreiche, sehr selbstbewusste Geschäftsfrauen, deren Männer und Väter immer unterstützend hinter ihnen standen. Letztlich hängt alles an der Frage, wie konservativ oder wie fortschrittlich das Elternhaus oder der Ehemann ist.

Welchen Einschränkungen unterliegen saudische Frauen?

Das sogenannte Vormundschaftsgesetz bevollmächtigt den Vater oder Ehemann zum Vormund, positiv verklausuliert als »Beschützer«. Die Männer bestimmen über den Aufenthaltsort der Frauen und ihren Bewegungsradius. Ist es ein ängstlicher, unterdrückender Vater oder Ehemann, dann ist der Bewegungsradius einer Frau gleich Null. Doch die Situation der Frauenrechte verbessert sich, wenn auch leider sehr langsam. Eine Frau kann jetzt ohne Einverständnis des Mannes studieren oder eine Arbeit annehmen, zumindest theoretisch.

Frauen in Saudi-Arabien tragen in der Öffentlichkeit den Ganzkörperschleier, die Abaja, und den Gesichtsschleier, den Nikab. Wie wirkt die Verschleierung emotional auf die Frauen?

Den Nikab abzunehmen ist in konservativen Familien nur gegenüber ganz wenigen Familienmitgliedern gestattet, die durch die familiäre Nähe nicht als Ehepartner infrage kommen, der Vater, der Bruder, der Sohn. Viele Frauen kennen es einfach nicht anders, sie halten das für normal, gottgewollt, und fügen sich dem Schicksal. In Saudi-Arabien gibt es wie überall auf der Welt aber auch viele Frauen, die nicht aushalten können, dass ihre Persönlichkeit marginalisiert wird. Zum Beispiel die Aktivistinnen, die im Mai 2018 festgenommen wurden. Sie wollten diese Einschränkungen nicht hinnehmen und lobbyierten gegen Fahrverbot und Vormundschaftsgesetz. Das sind mutige Frauen, die von der gleichen Regierung jetzt brutal bestraft wurden, gefoltert, körperlich und seelisch. Der Grund ist, dass der König und der Kronprinz Freiheiten gewähren, sich aber nicht druckvoll öffentlich sagen lassen wollen, was sie machen sollen. Dafür ist man schließlich eine absolute Monarchie.

Tragen auch Geschäftsfrauen Nikab, während eines Gespräches mit einem Mann?

Absolut, die allermeisten Frauen tragen den Nikab auch während der Arbeit. In international kooperierenden Banken werden Bewerberinnen inzwischen allerdings gefragt, ob sie bereit sind, mit Männern zusammen in einem Büro zu arbeiten. Für viele ist dies aus religiösen Gründen oder aufgrund des Elternhauses nicht vorstellbar, wird jetzt aber zunehmend zum Hindernis, einen guten Job zu bekommen. Es hat aber immer schon Nischen, fortschrittliche Unternehmen gegeben, in denen der Nikab nicht einmal erlaubt ist. In der Firma von Prinz Al-Walid bin Talal zum Beispiel tragen Frauen Businesskostüm. Frauen und Männer arbeiten bei dessen Kingdom Holding schon viele Jahre selbstverständlich zusammen. Verlassen die Frauen das Büro, legen sie den Nikab und die Abaja allerdings wieder an.

Gibt es Räume, in denen Frauen ihre Freiheiten unbegrenzt genießen können?

Die Lebensbereiche von Frauen und Männern sind in Saudi-Arabien weithin getrennt voneinander. In konservativen Haushalten gibt es zwei Eingänge, auch in der Universität oder in der Schule sind die Geschlechter getrennt. Dort bestimmen die älteren Frauen dann meist über die jüngeren. Wenn eine Frau den Familienverband verlässt und zum Beispiel gegen den Willen des Ehemanns wegläuft, kann es passieren, dass er sie verfolgt und versucht, mit aller Macht zurückzuholen. Die Gesellschaft wäre in diesem Fall wohl mehrheitlich auf seiner Seite. Ganz frei ist eine saudische Frau also eigentlich nie.

Worüber definieren sich Frauen in Saudi-Arabien und wie zeigen sie ihre Schönheit?

Viele Frauen definieren sich über ihre Ehe und die Kinder, wobei hier ausschlaggebend ist, wie viele Söhne eine Frau bekommt. Es geht um den Stand der Herkunftsfamilie und des Ehemannes, seine gesellschaftliche Stellung und sein Vermögen. Unter sich sind die Frauen oft großartig geschminkt, wunderschön, mit langen Haaren, das ist das Ideal. Saudische Frauen pflegen sich sehr aufwendig. Dies geschieht in erster Linie natürlich, um sich für ihren Mann immer schön zu halten.

Sind Frauen, die Abaja tragen, vor sexueller Belästigung sicher?

Die Verschleierung ist natürlich nicht automatisch ein Schutz, wenn eine Person beabsichtigt, Gewalt auszuüben. Grundsätzlich kann ich aber sagen, dass die Männer in Saudi-Arabien sehr zurückhaltend sind. Ein saudischer Mann muss den gesellschaftlichen Zorn fürchten, wenn er beschuldigt wird, eine Frau bedrängt zu haben.

Warum folgt man in Saudi-Arabien überhaupt dieser strikten Geschlechtertrennung?

Es besteht die religiöse Auffassung, dass alle Dinge, die einen von Gott ablenken, Musik etwa oder andere Formen des Genusses, als sündig gelten und deshalb zu vermeiden sind. Es ist auch verboten, dass sich eine unverheiratete Frau allein mit einem Mann in einem Raum befindet. Um Situationen zu vermeiden, in denen sich der Mann zum Beispiel nicht zu kontrollieren vermag, muss eine Frau ihnen aus dem Weg gehen. Eine junge Frau geht also mit Nikab in die Schule und auch in die Universität. Am Ende bekommt wirklich nur noch ihr späterer Ehemann ihr Gesicht zu sehen.

Welches Männerbild folgt daraus für die Frauen?

Für die Mehrheit der Frauen scheint entscheidend, welchen Status der Mann hat. Die Ehe ist ein Arrangement. Mir wurde berichtet, irgendwann würden viele der Frauen ihre Männer auch lieben lernen. Verliebt zu sein als Kriterium für eine Ehe, also vorab, gilt eher als Unfall, der blind macht und zu Fehlentscheidungen führt. Der Ehemann wird hier vielmehr von der Familie ausgesucht. Die Frauen vertrauen auf dieses kollektive Urteil. Es gibt aber auch Frauen, die einer Ehe nur zustimmen, wenn ihr Zukünftiger ihnen gewisse Freiheit im Alltag gewährt. Das wird dann vertraglich festgelegt.

Heißt das, man wird in Saudi-Arabien erst zu einer angesehenen Frau durch den Mann?

Eine Freundin, die Ehefrau eines Diplomaten, erzählte mir, als sie mit 21 heiratete, dass ihr Vater damals zu ihr sagte: »Dein Mann ist dein Leben.« Damit war gemeint, dass alles, was den Ehemann unterstützt, was ihn gesund erhält, was ihn glänzen lässt, das ist die Aufgabe der Ehefrau. Alles, was die Frau unterlässt, um ihrem Mann zu helfen, ist umgekehrt ihre Verfehlung.

Würden Sie sagen, dass dieser Grundgedanke auch in europäischen Ländern gilt, sich in guten wie in schlechten Zeiten zu unterstützen?

Es ist doch eigentlich ein schöner Gedanke, wenn diese Idee von beiden Ehepartnern gleich betrachtet wird und dabei beide ihrem freien Willen folgen. In Saudi-Arabien geht der Input allerdings meist sehr zulasten der Frauen.