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Anreise zum Schiff per Flugzeug

Kreuzfahrten sind weiter der Wachstumstreiber im Tourismus - viele neue Riesenpötte werden gebaut

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 4 Min.

Es war das größte Unglück in der Geschichte der Kreuzfahrt. Die eigentlich unsinkbare »Titanic« rammte einen Eisberg - und sank. 107 Jahre später ist es auch um die Bauwerft der »Titanic« schlecht bestellt: Harland & Wolff in Belfast musste im August Insolvenz anmelden. Betroffen davon sind die noch rund 100 Beschäftigten - in den besten Zeiten arbeiteten auf der Werft 30.000 Menschen.

Mit dem Aufstieg des Luftverkehrs war die Attraktivität von Luxusreisen auf hoher See drastisch gesunken. Traumschiffe wie die »Völkerfreundschaft« in der DDR - sie heißt heute »Astoria« - blieben seltene Farbtupfer. Zum Comeback kam es aber im späten 20. Jahrhundert zunächst in der Karibik. In Europa dauerte es noch länger. In Hamburg, Deutschlands heute größtem Kreuzfahrthafen, legten die ersten Schiffe erst 2005 an. Seither boomt die Branche vor allem dank Reisen im Niedrigpreissegment. Weltweit erwartet der internationale Kreuzfahrtverband CLIA in diesem Jahr rund 30 Millionen Passagiere - doppelt so viele wie vor zehn Jahren.

Bis heute bleiben Seereisen der am schnellsten wachsende Tourismusmarkt. 18 schwimmende Städte laufen allein in diesem Jahr vom Stapel. Den Weltmarkt dominieren drei europäische Werften: STX in Frankreich, Fincantieri in Italien und die Meyer-Werft im niedersächsischen Papenburg. Ihre Auftragsbücher sind auf viele Jahre hin voll. Dass gilt auch für die MV Werften mit Sitz in Wismar - nach Förderzusagen von Bund und Land Mecklenburg-Vorpommern hat ein Konsortium unter der Führung der bundeseigenen KfW-Bank am Freitag ein Finanzierungspaket für zwei Kreuzfahrtschiffe in Höhe von 2,6 Milliarden Euro geschnürt.

Generell sollen neue Schiffe der Umwelt weniger schaden als die knapp 300 »Cruise Ships«, die derzeit über die Weltmeere kreuzen. Die Branche wurde in jüngster Zeit aufgeschreckt durch Imageprobleme, strengere Auflagen der Weltschifffahrtsorganisation IMO und das sich entwickelnde Umweltbewusstsein in vielen Hafenstädten. In der vergangenen Woche erhielt die »AIDAnova« das Umweltsiegel »Blauer Engel«. Das weltweit erste Kreuzfahrtschiff mit LNG-Antrieb war im Dezember von der Meyer-Werft an die US-Reederei Aida übergeben worden. Der Betrieb mit Flüssigerdgas (LNG) reduziert die Luftschadstoffemissionen deutlich.

Obwohl Kreuzfahrer eine Lebensdauer von rund 30 Jahren haben, ist selbst bei Neubauten der LNG-Antrieb immer noch nicht üblich. So ist die »Norwegian Encore«, die am Wochenende das Baudock II der Meyer Werft verließ, zwar mit Abgasreinigungsanlagen, LED-Beleuchtung und Wärmerückgewinnung ausgestattet. Doch auch das 14. Schiff für die US-Reederei Norwegian Cruise wird mit schmutzigem Marinediesel und Schweröl angetrieben.

Ebenfalls schlecht für die Umwelt ist, dass Passagiere immer längere Anreisen, meist per Flugzeug, in Kauf nehmen, um an Bord zu gelangen. Laut Zahlen des europäischen Statistikamtes Eurostat vom Freitag gehen die meisten EU-Kreuzfahrer in Italien und Spanien an Bord. Und obwohl die Zahl der maritimen EU-Touristen rasant steigt, stagniert die Zahl derer, die von einem europäischen Hafen starten, seit längerem bei etwa sieben Millionen. Beliebtestes Ziel außerhalb Europas war 2018 mit 927.000 Passagieren die Karibik.

Zusätzlich belastet wird die maritime Umweltbilanz dadurch, dass die Urlauberpötte größer und üppiger in ihrem Unterhaltungsangebot werden. »Die Schiffe werden immer schöner und luxuriöser«, klagt Markus Wichmann von der Seemannsmission, »die Mannschaftsunterbringung jedoch nicht«. So sei das von Seeleuten meistgekaufte Produkt in den Lounges Schweinekrustenchips - und zwar als Beigabe zu Reis. Auf großen Kreuzfahrtschiffen sind mehr als 1500 Menschen sieben Tage die Woche tätig. Wäscher, Maschinisten oder Köche arbeiten unsichtbar für die Gäste unter der Wasserlinie und sehen selbst in ihrer Freizeit kaum Tageslicht. Dennoch ist es trotz der niedrigen Löhne für viele ein Traumjob - ein Großteil der Crews stammt von den Philippinen.

Einen anderen Traum verfolgt der australische Geschäftsmann Clive Palmer. Im Jahr 2022 soll ein von ihm projektierter Nachbau der »Titanic« in See stechen. In Venedig wird die »Titanic II« indes wohl nicht einlaufen dürfen: Schon seit Jahren kämpfen die Einwohner gegen den anschwellenden Touristenstrom. Italiens Verkehrsminister Danilo Toninelli will die Kreuzfahrer nun aus der Lagune verbannen. Der Lobbyverband CLIA hält mit dem Standardargument aller besonders umweltschädlichen Branchen dagegen: Die Branche sorge weltweit für rund eine Million Jobs an Land.

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