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Wenn die Gletscher verschwunden sind

In Island stehen Umwelt und Gesellschaft aufgrund der Folgen des Klimawandels vor besonders großen Umwälzungen

  • Von Andreas Knudsen, Kopenhagen
  • Lesedauer: 4 Min.

Island - Eisinsel - nannten einst die Wikinger eine Insel im Nordatlantik, die ihre neue Heimat geworden war. Gletscher dienten damals schon Dutzende Seemeilen vor dem ersten Hafen als Ansteuerungspunkt. Darauf sind heutige Seeleute zwar nicht mehr angewiesen, aber Landsicht ist immer noch hilfreich im rauen Nordatlantik. Allerdings wird in zwei, höchstens drei Generationen damit Schluss sein, wenn sich das Abschmelzen der Gletscher im gleichen Tempo fortsetzt wie in den vergangenen drei Jahrzehnten. In dieser Zeitspanne haben Islands rund 400 Gletscher etwa zehn Prozent ihrer Eismasse verloren.

Am vergangenen Wochenende nahm eine Gruppe isländischer sowie ausländischer Eis- und Gletscherforscher zusammen mit Ministerpräsidentin Katrín Jakobsdóttir an einer Gedenkfeier teil. Dabei wurde der erste isländische Gletscher, Okjökull, offiziell für tot erklärt. Das verbliebene Eis des Okjökull hat nur noch eine Dicke von 15 Metern - zu wenig, um sich selbst vorwärtszuschieben. Eigenbewegung sowie eine Minimaldicke von 40 Metern sind die gängigen Kriterien für die Definition eines Gletschers. Die Teilnehmer errichteten eine Gedenktafel mit der Überschrift »Ein Brief an die Zukunft«, die sie als Warnung an die Menschheit verstanden wissen wollen. Es ist weltweit das erste Denkmal, das einem Gletscher gewidmet ist.

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Okjökull, der nur noch aus totem Eis besteht, ganz verschwunden sein wird. Und selbst eines der Wahrzeichen der Isländer, der Snæfellsjökull, von dem aus einst Jules Vernes seine Expedition in das Innere der Erde starten ließ, könnte in 30 Jahren verschwunden sein. Durchschnittlich elf Milliarden Tonnen isländisches Eis verschwinden jedes Jahr im Meer. Beim grönländischen Eis belaufen sich die Schätzungen für 2018 sogar auf 517 Milliarden Tonnen.

Das Verschwinden eines Gletschers bedeutet nicht bloß den Verlust einer Landmarke, sondern auch den Verlust eines Trinkwasserreservoirs. Islands Versorgung hängt von stetig verfügbarem Schmelzwasser ab, ebenso die Energieerzeugung: Sie wird über Wasserkraftwerke gesichert oder mit von vulkanischer Energie erwärmtem Wasser, das durch viele Kilometer lange Rohrverbindungen fließt. Auch die Aluminiumschmelzen, Herz der isländischen Industrie, sind von billiger Energie aus Wasserkraft abhängig. Klimaforscher zeichnen ein düsteres Bild schon für 2050: Dann dürfte das Land immer mehr einer staubigen Mondlandschaft ähneln, und der grüne Gürtel entlang der Küsten wird ausschließlich vom Regen abhängig sein.

Die Fischerei, wichtigster Erwerbszweig des Landes, wird bereits vom Klimawandel beeinflusst. In den vergangenen Jahren gab es Rekordfänge, und es gibt deutliche Anzeichen für einen Wechsel der Arten. Wie ergiebig die Fänge in Zukunft sein werden und ob die Verbraucher andere Fische als den bislang dominierenden Hering akzeptieren werden, das sind offene Fragen.

Die Fischer an der Südwestküste bemerken zudem bereits Veränderungen in der Landschaft. Durch die Gletscherschmelze setzt eine postglaziale Hebung ein wie einst auf dem europäischen Kontinent nach der Eiszeit. Für die isländischen Häfen bedeutet dies eine geringere Wassertiefe, was das Ein- und Auslaufen der Schiffe erschwert und aufgrund des vulkanischen Bodens nicht einfach durch Ausbaggern behoben werden kann.

Auch der zweite wichtige Erwerbszweig Islands, der Tourismus, wird wesentlich von den Klimaveränderungen beeinflusst werden. Die Urlauber kommen, um Gletscher und Wasserfälle zu sehen, Schneescooter oder Hundeschlitten zu fahren oder Eisklettern zu betreiben. Diese Erlebnisse sind in Gefahr, allmählich zu verschwinden.

Trotz der Gefahren hält sich die Besorgnis in großen Teilen der Bevölkerung noch in Grenzen. Etwas wärmeres Klima wäre genauso willkommen wie ein Rückgang des Überschwemmungsrisikos in den Küstenregionen durch plötzliche Schneeschmelze. Oft ist auch davon die Rede, dass die Gletscher in den vergangenen 1000 Jahren sich immer wieder zurückgezogen haben, um später wieder weiter vorzustoßen. Doch dieses Mal ist es anders: Eine Regeneration ist durch das rapide Abschmelztempo nicht möglich. Daher richten sich das Engagement der Regierungschefin und der Zukunftsbrief der Wissenschaftler nicht nur an die anonyme Weltöffentlichkeit, sondern auch konkret an die eigenen Landsleute.

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