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»Rockhaus-Rettung war ein Sommermärchen«

Berlins Kultursenator ermutigt Künstler, sich zu organisieren, um bezahlbare Räumlichkeiten zu erkämpfen

  • Von Tomas Morgenstern
  • Lesedauer: 4 Min.

Eins stellte Berlins Kultursenator Klaus Lederer (LINKE) eingangs klar: Die Rettung des »Rockhauses« im Bezirk Lichtenberg, in dessen rund 160 Proberäumen 1000 Musikern arbeiten, ist zwar ein großer Erfolg für die Betroffenen und die freie Kulturszene der Hauptstadt. Als Modellfall taugt sie nicht. »Das war ein Sommermärchen, keine Blaupause«, sagte er.

Am Mittwochabend saß Lederer auf dem Podium beim Talk im Rahmen des dreitägigen »Pop-Kultur«-Festivals, das an diesem Freitag in der »Kulturbrauerei« im Prenzlauer Berg zu Ende geht. Neben ihm Stephan Zebisch, Gitarrist der Berliner Band »Toxpack« und, als Moderator, der Rundfunkjournalist Christoph Schrag (Radio Fritz). »Das Rockhaus bleibt! Aber was jetzt?« lautete das Thema, zu dem die Veranstalter in das kleine »Panda-Theater« eingeladen hatten. Sowohl der Bassist als auch der Senator haben, wie der Moderator hervorhob, einen gehörigen Anteil daran, dass das »Rockhaus« den Musikern erhalten bleibt.

In Berlin brächen der freien Kulturszene immer mehr bezahlbare Ateliers und Studios weg. Erst im April, erinnerte Christoph Schag, sei der »Musikbunker« in Neukölln mit 47 Proberäumen vorgeblich wegen verschärfter Brandschutzauflagen dichtgemacht worden. Auch das »Rockhaus«, einst ein Bürogebäude der Post, sei immer wieder umstritten gewesen, zuletzt 2017. Doch nachdem die Politik vermittelt hatte, schien der Bestand für die nächsten fünf Jahre gesichert. »Im Frühjahr 2019 hatte es dann eine ›einvernehmliche Kündigung‹ zwischen dem Eigentümer und dem Beitreiber gegeben«, sagte er. »Zwischenzeitlich wurden die Proberäume, die da noch in Benutzung waren, schon auf diversen Immobilienseiten als Büroräume angeboten, zum Quadratmeterpreis von 18 Euro.«

Die Musiker im Haus habe der faktische Rauswurf durch den Betreiber kalt erwischt, sagte Stephan Zebisch. »Die Kündigung haben wir tatsächlich an die Tür gepinnt bekommen.« Auf dem Mietmarkt für Proberäume habe sich schnell gezeigt, dass dort die Chancen für alle Betroffenen schlecht stehen. »Ich habe dann in Eigenregie gemeinsam mit den Hausmeistern eine Einladung fertiggemacht, und die dann ebenfalls an die Türen gepinnt«, so der Musiker. Das Treffen habe eher dazu dienen sollen, sich über den Umgang mit der Situation zu verständigen. »Die Frage war zunächst: Wer hat Ideen, wo können wir alle hin?« Gekommen seien dann ein paar Hundert Leute. Relativ schnell habe man begonnen, die entstandene Lage öffentlich zu machen, vor allem über die Medien. Überlegungen, das Haus zu besetzen, habe man verworfen. Denn irgendwann sei es dann gelungen, die Politik aufmerksam zu machen.

Klaus Lederer rückte diese Sicht ein wenig zurecht. Von der überraschenden Einigung von Eigentümer und Betreiber habe seine Verwaltung im Frühjahr erfahren. »Vom Zeitpunkt der Kündigung an sind wir sofort eingestiegen, weil uns klar war: Wenn der Ort wegbricht, dann haben wir ein richtiges Problem.« An diesem Punkt habe die Selbstorganisation der Musiker ihren Wert erwiesen. Der dadurch erzeugte öffentliche Druck habe es ermöglicht, mit dem Immobilienbesitzer ernsthaft in Verhandlungen zu treten. »Wir als Kulturverwaltung, wir als Land Berlin hatten überhaupt keinen Hebel«, so der Senator. »Wenn der Eigentümer das durchgezogen und gesagt hätte, wir schmeißen euch alle raus, hätten wir nichts tun können. Wir Linken nennen das Kapitalismus.« Das Gewerbemietrecht schütze Gewerbemieter kaum.

Anfang Juli unterzeichnete der Senat einen Mietvertrag für das »Rockhaus«. Zugleich zahle das Musicboard Berlin pro Jahr 160 000 Euro an den an den Dienstleister, der mit der Abwicklung aller Mietangelegenheiten beauftragt wurde, so Lederer. Dadurch seien die Proberäume für 20 Jahre gerettet worden. Zugleich müsse der Senat nunmehr seinen Mietern, den Musikern, harte Konditionen zumuten, die vermutlich nicht alle auf Dauer verkraften können. Für bildende Künstler etwa, die ihre Räume in der Regel nicht untervermieten können, sei das nicht tragbar.

»Die Miete beträgt nun 15 Euro pro Quadratmeter und steigt in zehn Jahren auf 26 Euro«, bestätigte Stephan Zebisch. Die Kosten seien in der Tat ein »Schlag ins Kontor«, doch man hoffe auf Verhandlungsspielräume.

Der Kultursenator setzt da mehr auf die Sicherung leerstehender öffentlicher Gebäude, dabei auch auf die wachsende Kompromissbereitschaft des Bundes und zusätzliche Mittel. Vor allem aber ermutigte er Berlins Künstler, sich zu organisieren und selbst an die Öffentlichkeit zu gehen und notfalls Alarm zu schlagen.

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