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Bier statt Champagner

In Berlin will das Theaterkollektiv glanz&krawall die Oper »Tannhäuser« von Richard Wagner »aufbrechen«

  • Von Jakob Hayner
  • Lesedauer: 4 Min.

Ende Juli wurden die Bayreuther Festspiele eröffnet, mit der Premiere von »Tannhäuser und der Sängerkrieg auf der Wartburg«. Kübelweise Spott wurde, nicht unberechtigt, schon über den Wagner-Kultus ausgeschüttet, die heilige Ergriffenheit, mit der man dort deutsche Kunstromantik zelebriert, das Pompöse, mit dem dort Kultur aufgefahren wird, freilich nur für die, die es sich leisten können.

Wenn es einen Ausdruck fürs alljährliche Auffrischen des kulturellen Kapitals der feinen Gesellschaft gibt, dann lautet er: Bayreuther Festspiele. »Die Wirkung von Wagners Musik ist schon unangenehm genug, aber das Volk, das da hinlatscht und sich abfeiert, geht gar nicht«, schrieb der jüngst verstorbene Wiglaf Droste vor ein paar Jahren. Bayreuth war ihm ein »geistiges Erdloch«, ein »Kuhdunghaufen« und »Schäferhundebesitzerkulturhochburg«.

In Berlin is dit freilich alles anders. Zumindest bei dem Festival »BERLIN is not BAYREUTH«, das dieses Jahr erstmals auf dem Gelände der B.L.O.-Ateliers in Lichtenberg stattfindet. Auf dem Programm steht ebenfalls Wagners »Tannhäuser«. Ein »Gegenentwurf zu Bayreuth« soll es werden, erzählen Marielle Sterra und Dennis Depta, die das Festival organisiert haben und zudem mit ihrem Musiktheaterkollektiv glanz&krawall einen Teil der Inszenierung übernehmen. Statt elitärer und abgehobener Opernweihspiele ein Gesamtkunstwerk der neueren Art - mehr Rockfestival als Festspielhaus, Bier statt Champagner, Lederjacke statt Pelzcollier, Popadaption statt werktreuer Aufführung.

Man müsse die Oper aufbrechen, um ihren Gehalt wieder in den Vordergrund zu stellen, erklärt die Opernregisseurin Sterra. Als erstes wird Chronologie in Raum übersetzt. Es gibt keinen Saal, in dem das Publikum sich in roten Samt bettet, um anschließend die Oper über sich ergehen zu lassen, sondern verschiedene Bühnen auf dem Gelände, die man selbstständig erkunden kann. Vom Venusberg zur Wartburg, zwischendurch ein Ausflug zum Papst nach Rom.

Der Minnesänger auf der Suche nach der Erlösung. Das wiederum interessiere in dem christlich-religiösen Sinne heute nicht mehr, sagen Sterra und Depta. Die Vorstellung von der Erlösung sei heute durch die des perfekten Lebens ersetzt, das man permanent optimieren müsse. Auch in Hinsicht auf Liebe, Sinnlichkeit und Sexualität.

Immerhin geht es im »Tannhäuser« um verschiedene Liebeskonzepte. Die große Liebe ist für den Sänger unerreichbar. Zugleich ist Tannhäuser ein Künstler, der sich auf dem Kunstmarkt zu behaupten hat. Der große Sängerkrieg verstanden als Ringen um das knappe Gut der Aufmerksamkeit. Wie verhält sich der Künstler zu seinem Produkt? Zur Gesellschaft? Und zu den anderen Künstlern?

Tannhäuser hält die anderen Sänger allesamt für Scharlatane und sich selbst für den einzig wahren Künstler - was Wagner seinerzeit durchaus als eine Selbstbeschreibung verstanden haben mag. Doch die Frage nach wahrem Künstlertum stellt sich auch in der Kunstwelt unserer Tage, die von einem »Zirkel des Immergleichen« geprägt sei, wie Depta sagt.

Für ihren »Tannhäuser« haben Sterra und Depta weitere Künstler und Kollektive eingeladen. Es sei interessanter, wenn sich alle mit einem gemeinsamen Stoff auseinandersetzen, als wenn jeder nur die eigenen Sachen zeigt, wie es bei Theaterfestivals sonst üblich sei. »BERLIN is not BAYREUTH« wollen die beiden deswegen auch als mehrere miteinander kombinierte Uraufführungen verstanden wissen. Neben glanz&krawall sind die Puppenspieler von Das Helmi gemeinsam mit der Sängerin und Schauspielerin Cora Frost sowie die Performerin Vanessa Stern mit Ensemble dabei. Von der Band Tanga Elektra wird es einen Wagner-Trip geben. Und der Köpenicker Rapper Romano wird sich des Sängerkrieges annehmen.

Wagner goes Battle-Rap - Oper, Theater und Popmusik kommen zusammen. Festivalatmosphäre ist ausdrücklich erwünscht. Das Publikum soll Essen, Trinken, Kinder und Haustiere mitbringen dürfen. Vor Ort gibt es Picknick und Aftershowparty. Angeboten wird neben Tageskarten auch ein Festivalpass für alle drei Tage. Der könne sich durchaus lohnen, weil man an einem Abend durch den Parallelbetrieb möglicherweise nicht alles sehen kann, so Depta. Ausufernd soll es werden, vielleicht auch ein bisschen unübersichtlich und überbordend. Wie Wagner. Aber heutiger. Mit »BERLIN is not BAYREUTH« möchten Sterra und Depta ein Kunstfestival der neuen Art etablieren. Jedes Jahr im Spätsommer, immer an einem neuen Ort, immer mit neuen Künstlern. Sich jedes Jahr ein bisschen neu erfinden, um bloß nicht der Erstarrung wie in Bayreuth anheim zu fallen.

»BERLIN is not BAYREUTH. Vol.1 Tannhäuser«, 23. August bis 25. August, B.L.O. Ateliers, Kaskelstraße 55, Berlin-Lichtenberg. www.berlinisnotbayreuth.de

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