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Die »Lunge unseres Planeten« steht »in Brand«

Umweltschützer: Brände sind Folge einer »Politik der Umweltzerstörung« / Ex-Umweltministerin Silva: Brasilanische Regierung verteidige illegale Rodungen / Frankreich will Mercosur-Abkommen blockieren

  • Lesedauer: 6 Min.

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Brasilia. Die schweren Waldbrände im Amazonas-Gebiet haben weltweit für Beunruhigung gesorgt. UN-Generalsekretär Antonio Guterres zeigte sich am Donnerstag »zutiefst besorgt« über die Feuer. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sprach von einer »internationalen Krise«. Unterdessen warf Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro der Presse vor, seine Aussagen über Umweltschützer als mögliche Verursacher der schweren Waldbrände am Amazonas verzerrt zu haben, wiederholte seinen Verdacht jedoch zugleich.

»Jeder« könne hinter den Waldbränden stecken, behauptete Bolsonaro vor Journalisten in Brasilia, »aber die Hauptverdächtigen kommen von den NGOs«, fügte er hinzu. Am Mittwoch hatte der rechtsradikale Staatschef gesagt, er gehe von Brandstiftung aus. Er vermute eine »kriminelle Aktion« von Umweltorganisationen mit dem Ziel, ihm und seiner Regierung zu schaden. Bolsonaro verwies auf angebliche Finanznöte der betreffenden Organisationen.

Brände sind Folge einer »Politik der Umweltzerstörung«

Umweltschützer wiesen die Anschuldigungen bei einer Protestaktion am Rande einer UN-Klimakonferenz in der Stadt Salvador als »absurd« zurück. Die Brände seien die Folge einer »Politik der Umweltzerstörung und der Unterstützung für die Agrarindustrie«, sagte Camila Veiga vom brasilianischen Dachverband der Nichtregierungsorganisationen der Nachrichtenagentur AFP.

Die ehemalige brasilianische Umweltministerin Marina Silva erhob angesichts der verheerenden Waldbrände schwere Vorwürfe gegen Bolsonaro. Die brasilianische Regierung habe durch ihre »Nachlässigkeit« ein »zügelloses Vorgehen« bei der Brandrodung begünstigt, sagte Silva der Nachrichtenagentur AFP. So seien die Brände mittlerweile »außer Kontrolle« geraten.

»Es gab im Amazonas-Gebiet immer Abholzung und Brände, aber niemals hat eine Regierung illegales Verhalten verteidigt«, sagte Silva am Rande einer Tagung zur Sozial- und Umweltpolitik in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá am Donnerstag (Ortszeit). Zwar verfüge Brasilien über die technischen Voraussetzungen, um die Brände zu bekämpfen. Allerdings habe die Bolsonaro-Regierung »diese Politik aufgegeben« und misstraue Umweltschützern und Wissenschaftlern.

Vor diesem Hintergrund entstehe derzeit eine Bewegung aus ehemaligen Ministern und zivilgesellschaftlichen Organisationen, die das Parlament zur Aufgabe von umweltschädlichen Gesetzesinitiativen drängen wolle. Silva war von 2003 bis 2008 Umweltministerin im Kabinett des linksgerichteten Ex-Staatschefs Luiz Inácio Lula da Silva.

EU-Kommission will Mercosur-Abkommen nutzen

Aus Sorge vor einem Übergreifen auf sein Staatsgebiet rief Peru wegen der Waldbrände im Amazonas-Gebiet sowie zahlreicher Feuer in Boliviens Wäldern den Notstand aus. Mehr als 200 Feuerwehrleute seien in Alarmbereitschaft versetzt worden und beobachteten »minütlich« die Lage in Brasilien und Bolivien, teilte Perus Nationale Behörde für Schutzgebiete (Sernanp) über Twitter mit. Zuvor hatte der Rauch der Brände in Brasilien die peruanische Amazonas-Region Madre de Dios erreicht.

Auch die EU-Kommission hat sich mitlerweile zu Wort gemeldet. Man beobachte die Feuer im größten Regenwald der Erde mit großer Sorge und sei bereit zu helfen, sagte Sprecherin Mina Andreeva am Freitag. Das beste Instrument der EU, Einfluss auf die brasilianische Regierung auszuüben, sei das kürzlich ausgehandelte Mercosur-Freihandelsabkommen. Dieses verpflichte die Vertragspartner, darunter Brasilien, auf Einhaltung von Umweltstandards und des Pariser Klimaabkommens von 2015.

Das Ende Juni vereinbarte Mercosur-Abkommen ist allerdings noch längst nicht von den EU-Staaten ratifiziert. Die deutschen Grünen hatten kritisiert, die EU habe den Klimaversprechen des brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro vertraut, ohne effektive Regeln zur Durchsetzung von Klimaschutz und Menschenrechten zu bekommen. Auch die LINKE verlangte den Stopp des Abkommens.

Frankreichs kündigte an, das Abkommen blockieren zu wollen. Präsident Macron sei zu dem Schluss gekommen, dass der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro ihn über seine Umweltschutz-Absichten »belogen« habe, sagte ein hochrangiger Mitarbeiter Macrons am Freitag. »Unter diesen Umständen lehnt Frankreich das Mercosur-Abkommen in seiner jetzigen Form ab«, hieß es. Damit verschärft sich der Ton zwischen Frankreich und Brasilien vor dem G7-Gipfel im südfranzösischen Biarritz, der am Samstag beginnt.

Fast doppelt so viele Feuer wie 2018

Die Zahl der Waldbrände in Brasilien ist in den ersten acht Monaten des Jahres drastisch angestiegen. Zwischen Januar und August gab es nach offiziellen Angaben 72.843 Waldbrände, die sich in den Bundesstaaten am Amazonas konzentrieren. 2018 waren es im gleichen Zeitraum 39.759 Brände.

»Alle Brände im Amazonasgebiet werden auf die eine oder andere Weise von Menschen verursacht«, sagt der Leiter des Amazonasprogramms der Umweltorganisation WWF, Ricardo Mello. Häufig würden Farmer zunächst die Bäume abholzen und dann Feuer legen, um neue Weideflächen für ihr Vieh zu schaffen. Wegen der derzeitigen Dürre in der Region breiten sich die Brände immer weiter aus. »Das Feuer greift von den offenen Flächen auf noch intakte Waldgebiete über«, sagt Mello. »Das bedeutet, die Brände haben einen doppelten negativen Effekt.«

Die meisten Brände wurden zuletzt im Bundesstaat Mato Grosso gemeldet. Die Löscharbeiten gestalten sich schwierig, da es in der Region nur wenige Straßen gibt und sich die Einsatzkräfte deshalb mit Booten auf Flüssen bewegen müssen. Zudem gibt es unterirdische Feuer, die lange unentdeckt bleiben. »Wir geben unser Bestes«, sagte Umweltminister Ricardo Salles. »Es kommt im Moment häufiger zu Bränden, weil es zuletzt sehr trocken war.«

Tatsächlich hat die Trockenzeit in der Region gerade erst begonnen. Im August und September wirden im Amazonasgebiet unterdurchschnittliche Niederschläge erwartet. »Das sind nicht gerade beruhigende Aussichten«, sagte der Koordinator der Brandbeobachtung der Nationalen Weltraumagentur INPE, Alberto Setzer, dem Portal Infoamazonia.

»Tag des Feuers« ausgerufen

Bolsonaro betrachtet den Regenwald als wirtschaftlich ungenutztes Potenzial. Er will keine neuen Schutzgebiete im Amazonasgebiet ausweisen und weitere Rodungen zulassen. Umweltverbände kritisieren die Pläne, weil der Regenwald als CO2-Speicher für den internationalen Klimaschutz von großer Bedeutung ist.

Zuletzt hatten Großgrundbesitzer und Farmer im Südwesten des Bundesstaates Pará einen »Tag des Feuers« ausgerufen und in einer koordinierten Aktion große Flächen entlang der Landstraße BR-163 in Brand gesteckt. »Wir wollen dem Präsidenten zeigen, dass wir arbeiten wollen«, zitiert die Lokalzeitung »Folha do Progresso« einen der Organisatoren. »Um unsere Weiden anzulegen und zu säubern, legen wir Feuer.«

Für die Umweltorganisationen ist Bolsonaro damit der eigentliche Brandstifter. »Diejenigen, die den Amazonas abholzen und zerstören, werden durch die Reden und die Aktionen der Regierung von Bolsonaro ermutigt, die seit ihrem Amtsantritt die Umweltpolitik des Landes wirklich demontiert hat«, sagt Danicley Aguiar vom Amazonas-Programm von Greenpeace. Agenturen/nd

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