Wendewahlkämpfe

Der wirksame Schatten von 1989

Stephan Fischer über einen Epochenumbruch als Taktgeber auch für Wahlkämpfe

Von Stephan Fischer

Kommune 1, der »Muff von tausend Jahren« weggefegt durch Miniröcke und sexuelle Befreiung, weil man dazu viel nackte Haut zeigen kann: 2018 war 50 Jahre 1968 auf allen Kanälen und Publikationen mit ganz vielen Bezügen in die heutige Zeit Thema. Was ist von ’68 übrig, wer ist beim Marsch durch die Institutionen wo gelandet? Angenommen, es hätte im letzten Jahr bedeutsame Wahlen gegeben - wäre die Forderung im Wahlkampf vorstellbar, »’68 zu vollenden«? Oder mit einer Wahrheitskommission den Weg und das Wirken der Eliten nachzuzeichnen, die sich beim Marsch durch die Institutionen an die Schaltstellen der Macht begeben haben?

Das Jahr 1989 wird in diesem Jahr noch stärkeren Raum einnehmen als 1968 im vergangenen. Es werden ähnliche Muster zu beobachten sein: Zeitzeugen berichten über die immer gleichen historischen Momente - wie war das mit dem Nacktfoto der Kommune 1, wo kam der Zettel am 9. November 1989 her? Es werden die immer gleichen, gleichzeitig ikonisierten und totgesendeten Bilder gezeigt. Aber es gibt einen deutlichen Unterschied: »1989 und die Folgen« ist Thema der aktuellen Politik und vor allem der Wahlkämpfe vor den Landtagswahlen im Osten.

Der Epochenbruch, der sich 1989 offenbarte und in den folgenden Jahren das Leben unzähliger Menschen durcheinanderwirbelte, schlägt nun eine Generation später mit voller Kraft in die politische Sphäre zurück. Der Zeitraum von 30 Jahren ist wichtig: Die meisten »Zeitzeugen« sind noch am Leben, und somit ist 1989 Teil einer kollektiven Erinnerung, gleichzeitig hat nach 30 Jahren längst die Historisierung der Ereignisse und Prozesse begonnen. Diese Spannung ist es aber, die das Thema in die heutige Politik geradezu hineindrängt: Sowohl die Kumpel aus Bischofferode als auch Birgit Breuel, ehemalige Präsidentin der Treuhandanstalt, leben noch und haben eine Stimme. Beide Seiten kämpfen um ihre Wahrheit, weil sie einen maßgeblichen Teil ihrer heutigen Identität ausmacht. Und all die Akten aus der damaligen Zeit rufen für viele, u. a. die LINKE, doch geradezu nicht nur nach historischer Betrachtung, sondern nach Untersuchungsausschüssen.

Es ist aber nicht nur die Massivität des Epochenbruchs selbst, die ihn immer wieder zumindest als Folie für die aktuelle Politik anbietet, nicht nur in Deutschland. Sondern auch seine Wirkmächtigkeit bis heute. Da treffen sich mit Viktor Orbán und Angela Merkel zwei Staatschefs, deren Werdegang ohne 1989 nicht denkbar ist, um der Flucht von DDR-Bürgern über Ungarn und Österreich vor 30 Jahren zu gedenken - während ihr heutiger Umgang mit Flüchtlingen selbst nicht ohne »Eiserne Vorhänge« auskommt. Da steht China heute kurz davor, Oppositionelle in Hongkong niederzuwalzen wie 1989 in Peking. Das unterschied den Weg des Riesenreiches fundamental von dem der Staaten der vormals sozialistischen Sphäre, die sich nach friedlichen oder auch gewaltsamen Revolutionen zu kapitalistischen Gesellschaften wandelten - nur, damit sich kurze Zeit später alle gemeinsam in der globalisierten Weltwirtschaft wiederfinden.

Mitentscheidend für den Anklang von 1989 heute ist auch das Phänomen des Epochenbruchs selbst. Dieser wird beispielsweise von der AfD einerseits als bereits stattgefunden verortet (2015 mit der sogenannten Flüchtlingskrise samt Folgen), und andererseits als noch zu vollziehen propagiert (»Vollende die Wende«). Gleichzeitig dräuen mit den Folgen des Klimawandels fundamentale Veränderungen, die Gesellschaften und Biografien global ähnlich durcheinanderzuwirbeln vermögen wie 1989 Mittel- und Osteuropa. »1989« steht somit für eine ungewisse Zukunft ebenso wie für bereits erlebten, wahlweise ersehnten oder erlittenen Wandel: eine breite Wahlkampffolie.