Flug vom Sprungturm: So schön kann es im Freibad sein. In 
Düsseldorf sind Sprünge ins 
Becken zum Politikum geworden.
Düsseldorf

Das Rheinbad und die Fake News

Junge Nordafrikaner sollen in einem Freibad Angst und Schrecken verbreitet haben. Belege: keine. Zu einem Bürgerdialog kommen nur wenige Bürger.

Von Dennis Pesch

Etwa 300 Stühle stehen am Donnerstagabend im Vorraum der Düsseldorfer »Merkur-Spiel-Arena« in der Nähe des Rheinbads. Nordrhein-Westfalens Integrationsminister Joachim Stamp (FDP) und Staatssekretärin Serap Güler (CDU) haben zu einer Diskussion im Rahmen ihrer Veranstaltungsreihe »Wertedialog« geladen. Bei dem Format sollen Bürger mit Politikern über Probleme, etwa bei der Integration, debattieren können.

Das Rheinbad hat in den vergangenen Wochen für Schlagzeilen gesorgt, nach drei Räumungen gab es darüber rassistische Debatten in den sozialen Medien. Die Polizei hatte von »augenscheinlich 50 bis 60 Jugendliche und junge Männer nordafrikanischen Typus« als mutmaßliche Auslöser für die Räumungen gesprochen. Vom »Angstraum« Freibad war die Rede. Recherchen des ARD-Magazins »Monitor« ergaben jedoch: Ein paar Jugendliche haben, laut eines Polizisten, der privat im Rheinbad war, nichts weiter gemacht als zusammen auf einer Rutsche zu rutschen, bevor der Bademeister kam und sie geschlossen hat. Am Ende des Tages standen zwei Ermittlungsverfahren gegen zwei Deutsche wegen Beleidigung und Bedrohung.

Zur Debatte sind indes nur etwa 60 Bürger gekommen. Stamp und Güler teilen sich das Podium mit Düsseldorfs Oberbürgermeister Thomas Geisel (SPD). Rechts von ihm sitzt Wladimir Chetverik, ein Bademeister der Düsseldorfer Bädergesellschaft. Er berichtet, er erlebe »oft Beleidigungen, man wird mit Vergewaltigung der Mutter bedroht«. Oder er bekomme Dinge zu hören wie: »Ich töte dich, ich zünde dich an.« Im vergangenen Jahr sei er auch körperlich angegriffen worden. Die Bademeister hätten häufig Probleme mit größeren Menschengruppen und pubertierenden Jugendlichen.

Im Veranstaltungsraum stehen einige große Plakataufsteller und zwei Bildschirme, die abwechselnd Grafiken einblenden. 2018 haben Stamp und Güler eine Kampagne ins Leben gerufen: IchDuWirNRW. Sie soll sichtbar machen, dass in NRW Integration gut funktioniert. Eins der Plakate zeigt Sheila, eine Polizeibeamtin: »Für mich steht fest: Deutschsein hat keine Hautfarbe.« Dass das nicht alle verinnerlicht haben, wird sich noch im Verlauf der Diskussion zeigen.

OB Geisel, der nach der letzten Badräumung Ende Juli noch von »möglichen ausländerrechtlichen Konsequenzen« gesprochen hatte, sagt nun, er habe die Vorfälle »reflektiert«. »Es war im Prinzip ein Badebetrieb, der, außer in einem Zeitraum von 20 Sekunden, weiter gegangen ist. Da sind dann in rascher Folge überwiegend dunkelhäutige Männer migrantischer Herkunft runter gerutscht.« Geisel schloss hier offensichtlich von der Hautfarbe der Menschen, die er auf einem Video gesehen hat, auf ihre Herkunft.

Ob vermeintlich migrantische Jugendliche oder Pubertierende allgemein ein Problem sind, ist bestimmendes Thema des Abends. Um Rassismus geht es nur kurz, als ein zugewanderter Softwareingenieur sagt, er sei oft mit rassistischen Stereotypen konfrontiert. Die Staatssekretärin erklärt ihm, das sei vor allem ein Problem »an den Rändern der Gesellschaft«.

Ein Mann berichtet von der zweiten Räumung im Juni. Er habe mit seiner Frau das Bad verlassen, weil er sich von »Afrikanern« bedroht gefühlt habe. Ein Video eines Augenzeugen zeigt die zugehörige Szene: Kurz nachdem verkündet worden war, dass das Bad geschlossen wird, springen Dutzende Menschen nacheinander ins Becken, ohne zu warten, bis die vorher Gesprungenen beiseite geschwommen sind.

Ein weiterer Mann meldet sich zu Wort: »Wir haben auch Ausländer hier, die uns sehr viel Freude machen: Die Japaner, die machen immer den Japan-Tag und danach alles selbst sauber. Die parken nicht mal falsch«, ruft er. Betretenes Schweigen, zwei Menschen klatschen. Der positive Rassismus bleibt unwidersprochen. Gegen Ende der Debatte spricht Integrationsminister Stamp nochmals von »spezifischen Gruppen von jungen Männern« aus Nordafrika, »die auf der Straße groß geworden sind und an verschiedenen Stellen in Europa tatsächlich marodieren«.

Kurz danach kommt der Sozialpädagoge Samy Charchira ans Podium, der sich mit Jugendliche aus nordafrikanischen Ländern auseinandersetzt. Er räumt mit der Debatte des Wertedialogs auf: »Wir haben ganz viel über das Rheinbad gesprochen, aber ganz wenig über die ‚Werte‘. Wir wissen dass niemand aus Nordafrika an den Vorfällen im Rheinbad beteiligt war. Wir machen Schuldige fest, die gar nicht da waren. Ich finde das vergiftet die Gesellschaft«, kritisiert er.

Eigentlich hätte sich die Debatte auch um die Frage drehen sollen, ob bestimmte Gruppen von Menschen heute schneller einem Generalverdacht ausgesetzt sind. Gegenüber dem »nd« erklärt Minister Stamp zum Verlauf des Abends: »Mir ist es wichtig, dass man keine Ressentiments befördert. Ich glaube, dass sehr viele der Teilnehmer hier ein sehr offenes, positives Verhältnis zu einer offenen Gesellschaft haben.«